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Städtetrip mit Kleinkind – Londons Norden Teil 1

Ich war schon oft in London. Allein, zu zweit, beruflich und privat. Aber noch nie allein mit einem Baby.
Im letzten November war mein Mann für einige Tage unterwegs: Männerurlaub.
Für mich also die perfekte Gelegenheit, um mit unserem fünf Monate alten Sohn erneut meine Lieblingsstadt zu besuchen.

Hotelwahl – Die Lage ist alles!

Scheinbar lernen viele Mamas und Papas durch den Alltag mit Kind, organisierter zu werden. Das trifft auf mich irgendwie nur bedingt zu. Doch obwohl meine Planung wieder einmal recht kurzfristig war, gestaltete sich die Unterkunftssuche unerwartet einfach. Für mich kamen nur die eher nördlich gelegenen Stadtteile infrage, weil ich viele andere Gegenden in London bereits erkundet hatte. Zudem wollte ich mit unserem Baby auf ein Minimum an Komfort nicht verzichten. Wichtige Kriterien waren daher: bezahlbar, rauchfrei, kostenloser WLAN-Zugang, eigenes Bad, barrierefrei. Letzteres erwies sich als das K.o.-Kriterium für die meisten Hotels und so blieb eigentlich nur das Britannia Hampstead Hotel im schönen Stadtteil Belsize Park.
Wir sind mit dem Zug von Köln angereist. Normalerweise dauert die Fahrt etwa fünfeinhalb Stunden. Der Anschlusszug in Brüssel hatte allerdings eine Stunde Verspätung, sodass die Fahrt ziemlich anstrengend wurde.
In London angekommen, kaufte ich am Bahnhof St Pancras noch schnell ein paar Windeln (um Gepäck zu sparen, hatte ich nur ein paar dabei) und steuerte dann direkt die Taxis an. Mein kleiner Reisebegleiter war mittlerweile im Kinderwagen eingeschlafen und so hievte der nette Taxifahrer den Wagen mitsamt Kind kurzerhand in den Fahrgastraum. Ein Hoch auf die britische Hilfsbereitschaft und die geräumigen black cabs! Keine Ahnung, ob das immer so gehandhabt wird. Ich war in dem Moment so dankbar für diese schnelle und unkomplizierte Lösung, dass mir gar keine Zeit blieb, mir Gedanken über ein vermeintliches Kindersitz-Problem zu machen.

Entspannte Fahrt im geräumigen Taxi

Wie die Bewertungen im Internet schon vermuten ließen, erwies sich das Hotel weder als besonders komfortabel noch als besonders gepflegt. Immerhin passte der Kinderwagen exakt in den freien Bereich zwischen quietschendem Bett und kleinem Tisch, unser Zimmer verfügte über einen Balkon mit einem überraschend tollen Blick auf die Stadt und die Bushaltestelle war direkt vor der Haustür. Für unsere Zwecke und unseren Geldbeutel war es perfekt. Die Damen an der Rezeption, absolut verzückt von dem kleinen Gast, halfen uns engagiert und mit freundlich bei jedem unserer Anliegen. Da sich der unbegrenzte kostenlose WLAN-Zugang auf den Rezeptionsbereich beschränkte, hielten wir uns täglich längere Zeit dort auf, um Busverbindungen und Öffnungszeiten zu checken. Da war es schön, in sympathischer Gesellschaft zu sein.
Die Distanz von unserem Zimmer zur Lobby war für das Babyfon leider zu groß, sodass ich mich schnell von dem verlockenden Gedanken verabschieden musste, die Abende gemütlich an der Hotelbar zu verbringen. Stattdessen machte ich es mir allabendlich neben dem Bett auf dem Teppich bequem, um im Schein des Badezimmerlichtes zu essen, zu lesen, zu schreiben und den nächsten Tag zu planen, während der Kleine mehr oder weniger friedlich schlummerte.

 

Unterwegs im Norden von London

Nicht nur das Stadtzentrum von London hat einiges zu bieten. Immer wieder auf der Suche nach neuen Lieblingsorten, zog es mich nicht nur wegen der begrenzten Hotelauswahl in den Norden. Und ich wurde nicht enttäuscht, hier gab es viel zu entdecken.

Szeneviertel Hackney

Hackney Town Hall

An unserem ersten Tag ging es nach Hackney, einem Londoner Bezirk im Nordosten der Stadt, der sich in den letzten Jahren zu einem angesagten Szeneviertel entwickelt haben soll und den ich bis auf den südlichen Ortsteil Shoreditch noch nicht kannte.
Gemeinsam mit der Dame an der Rezeption und der Citymapper App (die kann ich für London absolut empfehlen!) suchte ich nach der optimalen Busverbindung von der Haltestelle Primrose Road nach Hackney Central. Mit der U-Bahn wären wir wahrscheinlich flotter gewesen, aber diesem Abenteuer wollte ich mich an unserem ersten Tag noch nicht stellen.

London Fields Park

Bei sonniger Eiseskälte war nach einer etwa einstündigen Busfahrt unser erstes Ziel der Park London Fields: ein grünes Fleckchen, das sich herrlich für einen kleinen Spaziergang eignet. Im kostenfreien Toilettenhäuschen ist auch Platz genug für den Kinderwagen.

 

Highlights am Regent´s Canal

Etwa auf halber Strecke südwärts Richtung Shoreditch stießen wir auf den Regent´s Canal, der sich schier endlos quer durch die Stadtteile nördlich der Themse schlängelt und eine wunderschöne Gelegenheit für einen ausgedehnten Spaziergang am Wasser bietet.
Mein persönliches Highlight auf diesem Kanal ist der urgemütliche schwimmende Buchladen „word on the water“. Dabei handelt es sich um ein altes, zu einem Second-Hand-Buchladen umfunktioniertes Boot etwa auf Höhe der Kings Cross Station. Im Winter knistert hier unter Deck sogar ein Feuer im Ofen.

Buchladen im Boot

Bereits kurz hinter dem London Fields Park entschied der Sohnemann jedoch plötzlich, sich nun lange genug im Kinderwagen aufgehalten zu haben, und brachte dies lautstark zur Kenntnis. Ich sah mich mit einer mir bis dahin unbekannten Situation konfrontiert, die bedeutete: bei Eiseskälte die Jacke auszuziehen, die Bauchtrage anzulegen, das weinende Baby hineinzusetzen und so gut es geht die Jacke wieder zu schließen, um mich und seine Beinchen einigermaßen warm zu halten. Dies war der Moment, in dem ich mir eingestehen musste, dass eine dieser praktischen Mama-Jacken, die eine Trage mitsamt Baby bequem umschließen, vielleicht doch eine lohnende Investition gewesen wäre.

Grafitti-Kunst am Regent’s Canal

So blieb mir aber nichts anderes übrig, als den Rest unseres Ausfluges den leeren Kinderwagen vor mir herzuschieben, stumm zu fluchen und zu frieren. Etwas wehmütig dachte ich an meinen letzten London-Trip zurück, bei dem ich zumindest noch ein paar Mantelknöpfe über meinem Babybäuchlein schließen konnte.

Columbia Road –
Antiquitäten und Flower Market

Unser nächstes Ziel war die Columbia Road (http://www.columbiaroad.info/) mit einem kurzen Stop in meinem (komplett stufenlosen) Lieblings-Antiquitätengeschäft „Pure White Lines“(45 Hackney Rd). Hier gibt es allerlei schöne und teilweise auch skurrile Einrichtungsgegenstände, hauptsächlich aus dem letzten Jahrhundert. Am besten gefallen mir die Lampen und Sessel. Wer hier etwas Nettes entdeckt, kann sich das erstandene Schätzchen übrigens auch nach Deutschland liefern lassen.
Bekannt ist die Columbia Road hauptsächlich wegen des sonntäglichen Flower Market. An diesen Tagen verwandeln die Händler unzähliger Stände die Straße in ein riesiges Pflanzen- und Blumenmeer. Ich finde den Markt klasse. Mit einem kleinen Kind würde ich ihn jedoch möglichst früh besuchen, anstatt sich hier mittags ins Gewimmel zu stürzen. Im Laufe des Tages entwickelt sich der Besucherandrang hier nämlich zu einem wahren Menschenstrom, in dessen Mitte man schnell die niedlichen Läden und Cafés in der Straße leicht übersieht. Unter der Woche oder sonntags früh kann man hier sehr viel entspannter flanieren.

Street Art und Food Markets auf der Brick Lane

Hübsche Verkaufsstände

Wer in Shoreditch generell – und besonders auch auf der Brick Lane – den Blick nach links und rechts schweifen lässt, entdeckt hier massenweise fantastische Street Art. Schon allein dafür lohnt sich der Ausflug hierher. Ansonsten mag ich besonders die unzähligen Läden und das Essen auf den Märkten.
Mit einem Kinderwagen sollte man allerdings auch diese Straße sonntags eher meiden. Es ist einfach zu voll. Ob mit oder ohne Kinderbegleitung, kann ich hier das Kahaila Café (135 Brick Lane) wärmstens empfehlen. Lecker, sehr entspannte Atmosphäre, eine Toilette mit viel Platz – und nebenbei unterstützt man tolle soziale Projekte.

Farbenfrohe Street Art

Versteckte Oase: Calthorpe Project

Ganz unverhofft entdeckte ich an unserem ersten Tag auf dem Heimweg eine kleine Oase. Der Garten des „Calthorpe Project“ befindet sich etwas südlich der King´s Cross Station (258–274 Gray’s Inn Road). Dass es sich dabei um einen gemeinnützigen Verein handelt, fand ich erst später heraus. Für uns war es ein willkommenes, ruhiges, grünes Plätzchen mit Bänken, wo ich eine Pause einlegen und ungestört stillen konnte. Unter der Woche gibt es hier ein Café mit vegetarischen Speisen aus zum Teil in dem Garten angebauten Zutaten.

Erholung im „Tulepo Honey“

Chai Latte und Kuchen zur Entspannung

Langsam zeigte sich jedoch, dass ich uns für unseren ersten Tag zu viel zugemutet hatte. Den Kleinen kilometerweit auf dem Bauch zu tragen, gehörte nicht zu meinem Plan. Auch hatte ich nicht daran gedacht, für mich etwas Proviant einzupacken. Im Nachhinein verwundert es daher nicht, dass ich am Nachmittag völlig unterzuckert und gänzlich erschöpft war. Das „Tulepo Honey“, ein kleines unscheinbares Café (82 Haverstock Hill), war da die ersehnte Rettung.
Drinnen ist reichlich Platz und es gibt sogar einen Tisch mit Couch, auf der es der Knirps neben mir richtig bequem hatte. Meine Stimmung hob sich mit einem Mal. Ob der Chai Latte und der hausgemachte Carrot cake mit diesem himmlischen Guss aus weißer Schokolade wirklich derart köstlich waren, wie sie mir im Gedächtnis sind, kann ich nicht mehr beschwören. In dem Moment konnte ich mir nichts Besseres vorstellen. Die Anstrengungen des Tages waren fast wieder vergessen.

Das Hotelzimmer als Abenteuerspielplatz

Im Hotel angekommen, wurde dann erst einmal ausgiebig auf dem Bett getobt und das Zimmer inspiziert. Jede Schranktür, jeder Spiegel und vor allem der Wasserhahn entpuppten sich als große abenteuerliche Entdeckungen. Mir tat es fast leid, dass ich den Kleinen stundenlang durch die Straßen von London geschleppt hatte, obwohl für ihn doch schon unser Hotelzimmer Abenteuer genug war. Nachdem also jeder Winkel des Raumes unter die Lupe genommen, das Badezimmer unter Wasser gesetzt und jeder Spiegel von seinen Patschehändchen ganz schmuddelig war, machten wir uns noch einmal auf zu einem kleinen Abendspaziergang.

Die Aussicht vom Primrose Hill

Bevor ich das Hotelzimmer in der Primrose Hill Road gebucht hatte, kannte ich den gleichnamigen Park, der nur wenige Schritte vom Hotel entfernt liegt, noch gar nicht.

Ausblick vom Primrose Hill

Mittlerweile war es dunkel geworden und wie ich so in den Park lief, hatte ich plötzlich ein ganz ungutes Gefühl. Obwohl ich mich bisher in London nie unsicher gefühlt hatte, kam mir das Vorhaben, allein mit Baby im Dunkeln in einen Park zu laufen, plötzlich ausgesprochen dämlich vor. Und ich hätte auch fast kehrtgemacht, wenn nicht genau in diesem Augenblick eine Polizeistreife meinen Weg im Park gekreuzt, mir ein freundlicher Polizist daraus zugelächelt und ich mich wieder absolut sicher gefühlt hätte. Zum Glück. Denn sonst wäre mir der spektakuläre Blick von der Anhöhe auf die Lichter der Stadt sicher entgangen.
Auf dem Rückweg entdeckte ich auf dem Gehweg ein Symbol mit der Aufschrift „Belsize Walk“, von dem ich ebenfalls noch nie zuvor gehört hatte. Zurück im Hotel recherchierte ich, was es damit auf sich hatte, und das Programm für den nächsten Tag stand fest.

Fortsetzung folgt …

Welche Sehenswürdigkeiten und kleinen Abenteuer London noch zu bieten hat, erfahren Sie im zweiten Teil des Reiseberichtes.

Über die Autorin Dominika Klingenthal

Ihre Leidenschaft, die Welt zu entdecken, führte Dominika Klingenthal bereits auf alle sieben Kontinente. Die hauptberufliche Apothekerin wurde 1986 in Manitoba in Kanada geboren und lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in Köln. Seit dessen Geburt im Juni 2017 ist sie in Elternzeit und schreibt über ihre Erfahrungen mit dem kleinen Reisegefährten.
Sie liebt Giraffen, kleine Cafés, Bibliotheken und den Geruch von Regen.

Bereits in unserem Blog erschienen:
Lesen Sie Ihren Beitrag über Tipps, Tricks und Tücken beim Fliegen mit kleinen Kindern.

Gibt es Fragen und Anmerkungen direkt an die Autorin?
Gerne an: D.Klingenthal[at]gmx.de

© Texte und Bilder: Dominika Klingenthal

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