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Lesetipp: John Steinbeck, Der Winter unseres Missvergnügens

Ein Buchtipp von den Autoren mehrerer USA-Bände bei Iwanowski’s, darunter „USA-Ostküste“ oder „USA-Westen“, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, Feb. 2019

John Steinbeck (1902 Salinas/CA–1968 NYC) ist hierzulande vor allem als Romanautor bekannt, war jedoch auch als Essayist, Journalist und 1943 auch als Kriegsberichterstatter tätig. 1940 erhielt er den Pulitzer-Preis für seinen Roman „Früchte des Zorns“ und 1962 schließlich den Nobelpreis für Literatur.
Das war kurz nach Erscheinen seines letzten Romans mit dem Originaltitel „The Winter of our Discontent“ (1961), ein Titel, mit dem sich Steinbeck auf die erste Zeile von Shakespeares „Richard III“ bezieht. Ursprünglich im Deutschen als „Geld bringt Geld“ (1962) erschienen, trägt die Neuübersetzung von Bernhard Robben deshalb auch den korrekten Titel „Der Winter unseres Missvergnügens“.
Allein das Buch an sich ist ein Augenschmaus: Handlich klein (ca. 10×15 cm), mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Fadenheftung und lesefreundlicher Typographie ist es nicht nur ideal zum Mitnehmen, sondern vor allem ein zeitloses Kunstwerk, aber auch ein nettes Geschenk für Bibliophile. Auch inhaltlich besticht die im Herbst 2018 im Münchner Manesse Verlag erschienene über 600 Seiten dicke Neuübersetzung: durch Sprachwitz und geschmeidigen, modernen Stil. Der Übersetzer beweist zudem großes Talent darin, mit den von Steinbeck benutzten politischen Zitaten und literarischen Anspielungen von der Antike über die Bibel bis zu Melville (Moby Dick) und Shakespeare fertig zu werden.

Vom Clown zum skrupellosen Ausbeuter

Dieses letzte Werk Steinbecks ist ein Lehrstück über Geld, Gier und Moral und fällt allein deshalb aus der Reihe. Das war vielleicht auch der Grund, dass im Vergleich zu früheren Werken der große Erfolg ausblieb, obwohl die literarische Qualität dieses Werks Steinbecks anderen Veröffentlichungen in nichts nachstand. Der Unterschied liegt im Inhalt und an der Hauptperson. Als der Roman erschien, hatte sich Steinbeck bereits einen Ruf als Vertreter des sozialen Realismus, als Fürsprecher für die Armen und Ausgestoßenen erworben, doch „Der Winter unseres Missvergnügens“ handelt nicht von hart arbeitenden „Underdogs“, sondern von Intrigen und Lügen, Profitgier und moralischem Verfall.

Ethan Allen Hawley wird als Komiker, als „Narr mit Froschmaul“ eingeführt, der am Karfreitag den „Itakerladen“ öffnen muss. Dieser befindet sich in der fiktiven Kleinstadt New Baytown auf Long Island/NY – damit meint Steinbeck wohl Sag Harbor –, wo Hawleys Vorfahren zu den Gründervätern gehörten. Aus einer Familie von Walfängern und Pietisten, Piraten und Pilgervätern stammend, hat er jedoch das Geld verspielt, so dass der soziale Abstieg vorprogrammiert war: Hawley wird vom Ladenbesitzer zum Handlanger des neuen italienisch-stämmigen Besitzers, um Frau Mary und die zwei Kinder ernähren zu können.

Sag Harbor Long Island

Dank seiner altehrwürdigen Wurzeln versteht sich Ethan jedoch gut mit der örtlichen „Prominenz“, wie dem Kassier der First National Bank Joey Morphy – der keine Moral kennt, wenn es um die eigene Tasche geht –, oder dem Bankbesitzer Mr. Baker, der ihm beharrlich rät, mit dem Geld seiner Frau zu spekulieren. Dazu kommen die Hellseherin Margie Young-Hunt, die Mary und ihn umgarnt und eine „teuflische Zukunft“ und viel Geld voraussagt, der Ladenbesitzer Marullo, dessen Leitsatz heißt „Geld ist nicht freundlich“, und ein Mr. Biggers, seines Zeichens Lebensmittelvertreter, der ihn mit Rabatten besticht.

Unterhaltsame Lektüre mit interessanten Akteuren

Alle diese mehr oder weniger skurrilen, v. a. aber skrupel- und morallosen Figuren tragen dazu bei, dass Ethan den Entschluss fasst sein Leben zu verändern. Mithilfe schmutziger Geschäfte und Intrigen – darunter sogar ein geplanter Banküberfall – gelingt es ihm, erst den Laden an sich zu reißen und dann Profit mit dubiosen und unmoralischen Grundstücksspekulationen zu Lasten eines Freundes zu machen. Der Protagonist entwickelt sich zum skrupellosen Geschäftsmann, der ohne Rücksicht auf Verluste nur noch den eigenen Vorteil sieht.

Steinbecks Haus in Salinas

In kleinen Schritten erliegt Ethan in diesem Roman, der detailreich und unterhaltsam Figuren, Orte und Handlungsweisen beschreibt, den Verlockungen des Kapitalismus und legt seine Moral ad acta. Die Erzählperspektive wechselt dabei interessanterweise: Während es im ersten Teil noch einen neutralen Erzähler gibt, schlüpft dieser dann in die Figur des Ethan Hawley, der vom intellektuellen Clown und harmlosen Ladenbesitzer zum Verleumder und berechnenden Geschäftsmann mutiert ist. Doch letztlich hat Erfolg auch seinen Preis: Die Familie zerbricht und das Ende ist offen.
1950 war Steinbeck von Salinas/California nach New York City übergesiedelt, hatte zum dritten Mal Elaine Scott geheiratet und eine Cottage in Sag Harbor erworben. Nachdem der Roman 1960 fertig war, brach Steinbeck zu Recherchen für den Reisebericht Reise mit Charlie auf – doch das ist in jeder Hinsicht eine komplett andere Geschichte …

INFO:
John Steinbeck, Der Winter unseres Missvergnügens.
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben Mit Nachwort von Ingo Schulze.
Hardcover mit Schutzumschlag, 608 Seiten, Verlag Manesse München, 2018, ISBN 978-3717524328, 25 €.

© Text: Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle
Fotos: © M. Brinke mit Ausnahme Buchcover (© Manesse Verlag), Steinbeck-Porträts: © wikimediacommons bzw. Steinbeck Center Salinas.

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