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Buchtipp: Im „Süden und Westen“ – Amerikanische Kultur und Moral

Ein Lesetipp von den Autoren mehrerer USA-Bände bei Iwanowski’s, u.a. „USA-Ostküste“, „USA-Nordosten“ oder „USA-Westen“, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, August 2018

Beobachtung von Minderheiten und Subkulturen

Joan Didion (geb. 5.12.1934, Sacramento/CA) schrieb von früher Kindheit an und erhielt später als Journalistin und Autorin von Romanen, Theaterstücken und autobiografischen Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen. Sie gilt als Begründerin der Gattung des „Literary Journalism“ oder „New Journalism“– beeinflusst von Hemingway und in einem Atemzug mit Tom Wolfe zu nennen – und ihre Stärke ist die leicht ironische Beobachtung von Minderheiten und Subkulturen sowie verfallender Moral und Kultur in den USA. Als Kind einer Militärfamilie zog sie viel herum, 1956 schloss sie ihr Studium der englischen Literatur an der UC Berkeley ab, damals war sie bereits bekannt als Autorin. Ihre Karriere beim Modemagazin „Vogue“ dauerte sieben Jahre, 1963 erschien dann ihr erster Roman „Run, River“ und ein Jahr später heiratete sie John G. Dunne, ebenfalls Journalist und Schriftsteller. Außer Romanen entstanden fortan Magazin-Serien, Reportagen und Essays sowie Reisebeschreibungen.

Eindrücke aus Motels, Waschsalons & Kosmetiksalons

„Süden und Westen Notizen“ erschien kürzlich als Deutsche Erstausgabe im Ullstein Verlag Berlin. Es sind bis dato unveröffentlichte Notizen, einzelne Bilder, Gedankenschnipsel und Beobachtungen sowie Interviews. Sie hat Didion im Sommer 1970 zusammen mit ihrem Mann während einer einmonatigen Reise durch die Südstaaten – Alabama, Mississippi und Louisiana – zusammengetragen, ursprünglich mit der Absicht, sie als Reportage zu publizieren. Auffällig ist die scharfe Beobachtungsgabe und das Gespür für beiläufige und doch vielsagende Szenen – Eindrücke aus Motels, Waschsalons, Country Clubs, Kosmetiksalons oder von gesellschaftlichen Ereignissen – sowie die präzise, bildhafte Sprache, z. B. bei der Schilderung von Landschaften, Klima („die Luft war flüssig wie der Pool“) oder der Stimmung in New Orleans, bei Begegnungen mit Einheimischen und wenn es um Rassismus („natürlich fehlt es enorm an qualifizierten Schwarzen, und das Problem sind Ausbildung und Bildung“), Rollenverteilung („Auf jeder sozialen Ebene die geballte Männlichkeit, der Fokus auf Jagen und Fischen. Lass die Frauen bei ihrem Kochen, ihrem Einwecken, ihrem „Aufhübschen“ bleiben.“) oder gesellschaftliche Unterschiede geht. Auch eine gewisse „städtische Arroganz“ tritt hervor, z. B. wenn es um Restaurants und Essen in ruralen Gegenden geht.
Wer „Slouching Towards Bethlehem“ oder „The White Album“ kennt, wird sich bei den Beschreibungen daran erinnert fühlen. Eher wie ein Anhängsel an die Reisenotizen wirken hingegen am Buchende die „Kalifornischen Notizen“, bisher ebenfalls unveröffentlichten Aufzeichnungen von 1976 zu einem ganz anderen Thema. Damals hatte Didion in San Francisco im Auftrag des Magazins „Rolling Stone“ den Prozess und die Verurteilung von Millionenerbin Patty Hearst wegen Bankraubs beobachtet.

Der Band erschien unter dem Titel „South and West. From a Notebook“ 2017 bei Alfred A. Knopf in New York, die deutsche Ausgabe wurde von Antje Rávic Strubel übersetzt. Amerika-Kennern könnten gelegentlich Anstoß nehmen an einigen Übersetzungen, die manchmal etwas hölzern wirken: Bei „Krabbencremesuppe“ dürfte es sich um ein gewöhnliches „Etouffée“, eine Art Eintopf mit den im Überfluss vorhandenen Krabben, handeln.

Der Artischocken-Austern-Auflauf wird ein „Oyster-Artichoke Soup sein“ – ebenfalls ein klassisches und schlichtes Louisiana-Gericht. „Apfelbutter“ hat, obwohl aufs Brot gestrichen, nichts mit Butter zu tun, sondern ist schlicht und einfach Apfelmus; Whisky heißt in den USA Whiskey mit E.

Eine nette, unterhaltsame Lektüre

Ein „von Pellagra gezeichnetes Gesicht“ dürfte ebenso schwer verständlich sein wie das Aussehen eines „klassischen Berggesichts“. „Kantholzsäulen“ sind Pilaster und das Presbytère in New Orleans keine Kirche, sondern wie das (nicht „die“) Cabildo ein offizielles Amtsgebäude (Foto: oben links). Der „Miss-Mississippi-Gastfreundschaftswettbewerb“ ist ein „Pageant“ oder „Schönheitswettbewerb“. Auf welches historisches Ereignis sich der „Schubstag“, „wenn Schwarze auf der Straße Weiße schubsten“, außerhalb von Hattisburg im Jahr 1942, bezieht, erschließt sich leider ebenfalls nicht.
Wer jemals im Süden der USA gereist ist oder reisen möchte, dem sei dieses schön aufgemachte, mit Lesebändchen versehene Büchlein ans Herz gelegt – eine nette, unterhaltsame Lektüre.

INFO
Joan Didion, Süden und Westen. Notizen, Ullstein Buchverlage Berlin 2018. Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Rávic Strubel. ISBN-13 9783550050220, 18 €.

© Text: Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle, Fotos © M. Brinke außer Buchcover (©Ullstein Buchverlage) und Foto Cajun-Küche (©New Orleans & Co.).

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