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Auf Grenzpatrouille – Mit der Border Patrol im „No Man’s Land“ zwischen USA und Mexiko

Ein besonderer Buchtipp von den Autoren mehrerer USA-Bände bei Iwanowski’s, darunter „USA-Texas/Mittlerer Westen“ oder „USA-Westen“, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, Januar 2019

Francisco Cantú war zwischen 2008 bis 2012 als Officer der United States Border Patrol in den Wüstenregionen von Arizona, New Mexiko und Texas auf Grenzpatrouille. Über seine Erlebnisse schrieb er ein eindrucksvolles Buch, das unter dem Titel „No Man’s Land“auch in Deutschland erschienen ist. Es ist der erschütternde Erfahrungsbericht eines Insiders, der die Sinnlosigkeit von Grenzen deutlich macht.

Trump und seine Mauer

„Es ist wichtig zu verstehen,“ meinte Cantú in einem Artikel, den er im Sommer 2018 für die New York Times verfasste, „dass die derzeitige Krise an der Grenze in Wahrheit nur die abscheuliche Verdeutlichung eines jahrzehntelangen Versuchs darstellt, den Ausnahmezustand zu erreichen.“ Für ihn ist der Effekt von Donald Trumps plumper Rhetorik lediglich, dass endlich mehr Menschen aufmerksam geworden sind auf die Situation der Migranten an der südlichen Grenze. Denn „die Militarisierung der Grenze, der Umstand, dass wir die Landschaft regelrecht als Waffe nutzen, … – all das passiert seit Jahrzehnten ohne einen nennenswerten Aufschrei von unseren Politikern, Medien oder unserer Gesellschaft als Ganzes“.

Das Buch von Francisco Cantú ist zur richtigen Zeit erschienen. Bis zum innenpolitischen Streit zwischen US-Präsidenten und Parlament um die Finanzierung einer Ausweitung der Anlagen an der Grenze zu Mexiko – es handelt sich wohlgemerkt nicht um einen kompletten „Neubau“, wie hiesige Medien nahelegen – waren für die meisten Amerikaner und den Rest der Welt die Ereignisse an der „Border“ sehr weit weg. Korrekte Information ist nötig, um Trumps Übertreibungen, Faktenverbiegungen und fremdenfeindlicher Angstmacherei klar zu erkennen. Es existiert nämlich bereits jetzt entlang rund der Hälfte der Grenzlinie eine Mauer bzw. ein Zaun. Der Großteil des ungesicherten Abschnitts befindet sich in Privatbesitz in Texas oder auf Indianerland und kann nicht bebaut werden. Es geht in Realität lediglich darum, Lücken zu schließen bzw. die Grenzsicherung zu verstärken.

Lernen aus eigener Anschauung

Cantú (*1985), Enkel eines mexikanischen Einwanderers, hat Politik studiert und wollte am eigenen Leib erfahren, was an der Grenze wirklich abläuft. Deshalb bewarb er sich bei der U.S. Border Patrol – ganz gegen den Willen seiner Mutter, einer ehemaligen Rangerin im Guadalupe Mountains National Park. Doch Cantú war der festen Überzeugung, dass er die Wüste, den Überlebenskampf und die Spannungen zwischen den Kulturen nur verstehen könne, wenn er selbst vor Ort ist.

So rettete er als Mitglied der Border Patrol einerseits Verdurstende aus der Wüste, deportierte aber andererseits illegale Einwanderer oder erlebte, wie Familien auseinandergerissen und Flüchtlinge erniedrigt wurden. In seiner Reportage zeigt er, was Grenzen für die Menschen wirklich bedeuten. „No Man’s Land“ gleicht einer Tragödie und bildet dennoch die Realität wahrheitsgetreu ab: objektiv, grausam und zutiefst berührend.
Was Cantú an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erlebte, brachte ihn fast um den Verstand, auch als er ins Büro versetzt wurde und die Grenze nur noch am Bildschirm überwachte. Schnell wurde ihm klar, dass Grenzpolizisten keine unerfahrenen Studenten sind wie er selbst, sondern vielfach verbitterte ehemalige Polizisten und Soldaten, denen in der Ausbildung eingetrichtert wurde, sie hätten es an der Grenze mit Banditen der mexikanischen Drogenkartelle zu tun. In Wahrheit sind die Grenzpatrouillen langweilig und am Ende griffen die Officer immer nur verängstigte und hilflose Flüchtlinge auf, die eigentlich überhaupt nicht in das „Terroristenprofil“ passen.

Verschiedene Perspektiven eines brutalen Systems

Einerseits schildert Cantú die Ereignisse aus persönlicher Sicht, erzählt auch von seinen Zweifeln und Alpträumen. Andererseits versucht er anhand von sachlichen, teils sehr akademisch gehaltenen Einschüben die Geschichte, Entwicklung und Ideologie der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu erläutern.  Dieser Perspektivenwechsel macht die Lektüre nicht immer einfach.

Rio Grande im Big Bend Nationalpark

Im letzten Drittel des Buches ändert sich der Ton, wird persönlicher und zieht den Leser tiefer in die herrschende Misere hinein: Nun schildert der Autor das Schicksal seines neuen Freundes José, der seit 30 Jahren in den USA lebt, eine Familie gegründet hat, doch nach dem Besuch seiner sterbenden Mutter in Mexiko nicht mehr in die USA zurückgelassen wird. Ein für die Grenze typisches Schicksal, an dem Cantús Engagement scheitert und seine Hilflosigkeit angesichts der sturen, bornierten Bürokratie zutage tritt.

Mexikanisches Grenzdorf

„No Man’s Land“ stellt die gleichgültige Brutalität des Systems ins Rampenlicht, zeigt die Ungerechtigkeit der derzeitigen Gesetze und wie eine militarisierte Grenze Familien kaputt macht und den amerikanischen Mythos von Freiheit und Gleichheit zur Farce macht. Es ist ein wichtiges Buch für das Cantú 2017 den prestigeträchtigen Whiting Award – alljährlich verliehen an die besten Nachwuchsautoren – erhielt. Seine Essays, Artikel und Übersetzungen erschienen u. a. in der „New York Times“, in „Guernica“ oder in „The Best American Essays“. Heute lebt er in Tucson/Arizona und koordiniert das Field Studies in Writing Program an der Universität von Arizona.
Vorzüglich übersetzt wurde das Buch von Matthias Fienbork. Der Originaltitel „The Line Becomes a River. Dispatches From the Border“ erschließt sich beim Lesen und dank des Epilogs. Es gibt nämlich durchaus noch offene Grenzabschnitte wie am Rio Grande River in Texas, wo der „kleine Grenzverkehr“ Alltag ist.

INFO
Francisco Cantú, No Man’s Land. Leben an der mexikanischen Grenze, Carl Hanser Verlag (München 2018), übersetzt aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork, 240 Seiten; ISBN: 978-3-446-26026-9, 22 €

WEITERE LESETIPPS
Wer das Thema weiter vertiefen möchte – hier eine Auswahl anderer lesenswerter Bücher:
• Octavio Solis, Retablos. Stories from a Life Lived Along the Border (City Lights Publisher, 2018)
• Luis Alberto Urrea, Across the Wire. Life and Hard Times on the Mexican Border (Anchor Books/Doubleday, 1993)
• Sam Hawken, La Frontera (2013, deutsch: „Kojoten“, Polar-Verlag 2015)
• Eine gute Karte, die existierende Teile der Mauer zeigt gibt es unter: www.nytimes.com/interactive/2018/02/05/us/border-wall.html[/

© Text: Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle
Fotos: © M. Brinke mit Ausnahme Buchcover (© Hanser Verlag) und Autorenfoto (© Keith Marroquin, Hanser Verlag).

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