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Zum 200. Geburtstag des Autors: Herman Melville, Mardi und eine Reise dorthin

Ein Buchtipp von den Autoren der Bände „USA-Nordosten“ und „USA-Ostküste“ sowie mehrerer anderer USA-Bände, Margit Brinke – Peter Kränzle, August 2019

„Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden, kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Phantasieerzählung zu schreiben; um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorigen Erfahrung. Diesem Gedanken entsprossen andere, die „Mardi“ zum Ergebnis hatten.“

Dieses eher nüchterne Vorwort stellt Herman Melville seinem dritten Roman „Mardi und eine Reise dorthin“ voran. Was folgt ist ein „ebenso hinreißendes wie monströses Werk … der helle Wahn“ (Klaus Modick, Deutschlandfunk). Im Manesse Verlag München, Teil des Verlagsgruppe Random House, erschien eine grandiose Jubiläumsausgabe, ein Prachtband, zum 200. Geburtstag Herman Melvilles am 1. August 1819.
Rainer G. Schmidt, der schon Werke von Victor Hugo, Arthur Rimbaud, Henri Michaux oder David Henry Thoreau übersetzt hat, ist es zu verdanken, dass 170 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans „Mardi. A Voyage Thither“ das Werk auf Deutsch erscheint. 1997 hatte Schmidt „Mardi“ erstmals übersetzt und schon damals Begeisterungsstürme ausgelöst. Zum 200 Geburtstag von Melville wurde diese Erstübersetzung sorgfältig durchgesehen und mit Kommentaren versehen. Übersetzer Schmidt hat es geschafft, Melvilles Sprache, seine Stil- und Ausdrucksebenen gelungen umzusetzen. Die von ihm angefügten Kommentare erläutern Melvilles Anspielungen und sein Nachwort liefert eine gute Zusammenfassung.

Verkanntes Genie

Herman Melville kam 1819 in New York City zur Welt. Nach dem frühen Tod seines Vaters 1832 praktizierte er diverse Jobs, ehe er 1841 in Nantucket/Massachusetts auf einem Walfangschiff  anheuerte. Ein Jahr später desertierte er von dem Schiff und blieb in der Südsee. Ende 1844 kehrte er nach mehreren Abenteuern und als Matrose auf verschiedenen Schiffen in der Südsee wieder in seine Heimat zurück. Es folgte die Heirat (1847) und erste Versuche als freier Schriftsteller.
1846 und 1847 beschrieb er in „Typee“ und „Omoo“ seine Erlebnisse im Südpazifik. Sie machten ihn schnell berühmt. Es folgten 1849 „Mardi“ und 1851 „Moby Dick“, zwei der größten literarischen Werke der Weltliteratur – zu seinen Lebzeiten galten beide jedoch als Flops. Der Erfolgsautor hatte mit „Mardi“ ein geniales Werk geschaffen, eines, das keinen Regeln folgte und eine eigene Logik entwickelte. Es war ein wichtiger Schritt in Melvilles Schaffen und gegen Ende des Buchs bemerkte er selbst: „Jetzt bin ich der eigene Herrscher meiner Seele.“
Bis 1863 lebte Melville mit seiner Familie auf einem kleinen Bauernhof in Pittsfield/Massachusetts, dann kehrte die Familie nach New York City zurück. Dort arbeitete er ab 1866 als Zollinspektor, vom Schreiben allein konnte er nicht leben. Die Jahre bis zu seinem Tod 1891 lebte er einsam und unbekannt in New York, erst posthum wurde vor allem „Mody Dick“ als Meisterwerk „entdeckt“.

Wer von „Moby Dick“ gefesselt war, der muss „Mardi und eine Reise dorthin“ lesen. Man kann dieses Buch als Vorläufer sehen, als frühen Versuch sich mit der modernen Literatur vertraut zu machen. Südsee und Abenteuer, Liebe und Geheimnis, Kritik an der Gesellschaft – All das findet sich nämlich in „Mardi“. Klaus Modick (Deutschlandfunk) bezeichnet „Mardi“ als „schriftgewordene Eskalation, offenen Aufruhr, der Ausbruch aus einem erstarrten Normen- und Regelwerk, der diesen Autor und jenen Lesern, die bereit sind, ihm zu folgen, von der nur scheinbar unscheinbaren Realität einer Schiffsreise bis in die Stratosphären der Metaphysik und Mystik katapultiert“.

Verlockungen in der Südsee

„Wir sind Los!“ – mit diesen ersten drei Worten – vergleichbar mit dem Anfangssatz „Nennt mich Ismael“ in „Moby Dick“ – beginnt das Abenteuer. Am Anfang steht eine Flucht: Der Erzähler Taji desertiert mit einem anderen Seemann von einem Walfänger, der erfolglos durch den Pazifik segelt. In der Hoffnung auf gastfreundliche Menschen, freie Liebe, mildes Klima und gutes Essen, nehmen die beiden mit einem kleinen Beiboot Kurs auf ferne Inseln. 

Unterwegs treffen sie auf die unwiderstehliche Schönheit Yillah und folgen ihr unter abenteuerlichen Umständen in die Inselwelt des fiktiven Archipels Mardi. Als die Dame plötzlich verschwindet, macht sich Taji mit einem bunt zusammengewürfelten Trupp auf die Suche, die eine Reise in die Menschheitsgeschichte und in das eigene Ich darstellt.

„Mardi“ ist unterhaltsam und fantastisch erzählt, ein vielseitiges, kapriöses Zeugnis von Melwilles Fabulierkunst. Melville streift darin philosophische Themen wie Unterdrückung und Freiheit, Gut und Böse, das Verhältnis von Mensch, Gott und Universum. Der Leser legt das Buch erst nach der letzten Zeile aus der Hand, erschöpft und glücklich. Ein lesenswertes und dazu schönes Buch, auch wegen der Aufmachung des Buches in Hardcover, mit Lesebändchen. „Mardi und eine Reise dorthin“ ist ein Genuss und „eine geniale Fata Morgana“ (Klaus Modick).

INFO:
Herman Melville, Mardi und eine Reise dorthin, Manesse Verlag (München, 2019); aus dem Englischen, mit Kommentaren und einem Nachwort von Rainer G. Schmidt; Originaltitel: Mardi and a voyage thither; Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, € 45,00; ISBN: 978-3-7175-2404-5

© Text: M. Brinke – P. Kränzle, Fotos: Autor/Buchcover ©gemeinfrei (Random House/Manesse Verlag), alle übrigen: © M. Brinke

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