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USA-Lesetipp: Facing Change – Documenting America. Bilder aus dem amerikanischen Alltag

Ein Buchtipp von den Autoren des Reisebuches „USA-Ostküste“ u.a. USA-Bände, Margit Brinke – Peter Kränzle, November 2015

„Facing Change “, sich dem Wandel stellen, heißt ein neuer von der Library of Congress mitgeförderte Fotoband, herausgegeben von Leah Bendavid-Val, der kürzlich im Prestel Verlag erschienen ist. Gleich vorweg: Es ist ein ernüchterndes Buch, das Amerika nicht unbedingt immer im besten Licht erscheinen lässt. Zehn Fotojournalisten haben sich 2009 zusammengetan mit dem Ziel die heutigen Sorgen und Probleme der Menschen im Bild festzuhalten.

Amerika heute in beeindruckenden Fotos

Der Bezug zum FSA-Photography Project, einem einflussreichen Dokumentationsprojekt von 1935–1944, während Roosevelts New Deal, das vor allem die Erfassung der Armut auf dem Land zum Thema hatte, ist unverkennbar. Bei „Facing Change. Documenting America“ (FCDA) ist es verstärkt die Stadtbevölkerung und sind es moderne Probleme die im Mittelpunkt stehen, Library of Congress, iwanowski.blogwas gleich geblieben ist, sind soziale Ungerechtigkeit, Missstände, staatliches Versagen, Angst, Hass und Verzweiflung.
In dem Buch „Facing Change“ – es gibt auch eine Website dazu: www.facingchangeusa.org – versuchen zehn Fotografen unabhängig und ungefiltert ein breites gesellschaftliches Spektrum darzustellen, Geschichten zu erzählen und Aufmerksamkeit zu erregen. Wie bei dem FSA-Programm ist es auch das Ziel von FCDA, das soziale Bewusstsein zu wecken, Diskussion anzuregen und historischen Wert zu schaffen. Das von der Library of Congress unterstützte Projekt ist ein kollektives Porträt von Amerika in neuerer Zeit, dass auf Fortsetzung angelegt ist.

Kollektives Porträt vom heutigen Amerika

Hurricane Katrina. iwanowski.blogDer Bildband beschäftigt sich mit wichtigen Themen und Ereignissen unserer Zeit, beispielsweise mit der Immigration, mit den Mängeln in der Gesundheitsversorgung, mit der Immobilienkrise, mit Kriegen oder Naturkatastrophen – z.B. dem Wirbelsturm „Katrina“ 2005 – anhand einer repräsentativen Auswahl von Porträts, Bildserien und Momentaufnahmen aus dem Alltag. Die Texterläuterungen der Fotografen und Interviews mit Fotografie-Experten der Library of Congress schaffen den nötigen Background, um die Bilder zu verstehen.

Migranten in Amerika

Little Haiti. iwanowski.blog„LITTLE HAITI, USA“ heißt beispielsweise eine Fotoserie von Maggie Steber, die sich mit den Immigranten, deren Einfluss und eigener Infrastruktur im gleichnamigen Stadtteil in Miami/Florida befasst. Alan Chin dagegen war sowohl bei Hurricane Katrina, als auch bei der Deepwater Horizon-Explosion anwesend und steuert davon Fotos bei. Nicht nur die Zerstörung in New Orleans 2005 wird dabei thematisiert, sondern auch die Hoffnung und das Energiepotenzial der Betroffenen. Chins Spektrum ist breit: Er fotografierte in einer Panzerfabrik in Lima, Ohio, aber auch einen chinesischen Schönheitswettbewerb in New York, wo er aufwuchs.
Ebenfalls mit der Situation von Migranten setzt sich Migranten Suesskartoffelernte. iwanowski.blogCarlos Javier Ortiz auseinander. Deren schlecht bezahlte Arbeit auf Feldern, z. B. bei der Süßkartoffelernte, oder in Fabriken seit dem frühen 20. Jh. hat die amerikanische (Land)Wirkschaft enorm verändert. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der mexikanischen Immigranten hält Ortiz in eindrucksvollen SW-Fotos fest. Er befasst sich dazu mit Jugendkriminalität, Bandenkriegen und der Trauer der betroffenen Familien in seiner Heimatstadt Chicago.
Andrew Lichtenstein hält besondere Ereignisse fest: Soldatenabschiede, Gedenkfeiern, Gedenkorte für Attentate oder Unglücke sowie Grabsteine, Protestmärsche und andere DemonstrationenFCDA-RememberWTCwie Occupy Wall Street –  oder auch Gefangenentrupps in Texas bei der Arbeit. Während es hier um Andenken und Nachdenken geht, befasst sich Donna Ferrato mit häuslicher Gewalt. Ihre Hauptfigur ist Sarah, eine betroffene junge Frau mit zwei Söhnen, der sie mit „Unbeatable Sarah“ eine beeindruckende Serie gewidmet hat. Prostituierte und Straßenszenen in Tribeca, das Nebeneinander von Arm und Reich, Hell und Dunkel, sind andere Motive ihrer Fotos.

Hartes Leben auf Oaklands Straßen

Wie rau es auf Oaklands Straßen zugeht, zeigt Stanley Greene („Flat Liners“). Penner und Prostituierte, Drogendealer und Junkies, durch Zwangsversteigerungen heimatlos Gewordene und Verzweifelte, Bettler und Veteranen, San Fransisco MarketSt. iwanowski.blog„Heros“ und heimliche Anführer, Gangs und Verbrecher, sie alle finden sich auf den Straßen von East Oakland und Greene hat sie nicht nur fotografiert, sondern auch ihre Schicksale erfragt: „There is a thin line between heaven and the street“. Allerdings strahlen seine Bilder auch Hoffnung aus: ein Gangsterboss, der zum Friseur wurde, ein Pärchen, das sich auf der Straße gefunden hat, eine Prostituierte, die zur Friseurin wurde …
Darcy Padillas Bilder von San Francisco schließen unmittelbar an und auch ihr, die mit ihrer Serie über das Leben Julies, einer jungen AIDS-Kranken bekannt wurde, ist es daran gelegen, die Schicksale hinter dem Bild zu erfahren. Hospiz für Homeless People. iwanowski.blogDer frühere Theater- und Entertainment District an der Market Street besteht heute vor allem aus Suppenküchen, leer stehenden Gebäuden, Billighotels, Pfandhäusern, Prostitution und billigen Clubs. Hier leben jene, denen das Leben in San Francisco zu teuer geworden ist – Wohnungslose, Arme, Alte, Drogensüchtige, Behinderte und Kranke. Pardilla konfrontiert ihre Porträts mit Bildern von „Twitter-Bussen“, die gut gekleidete Angestellte in ihre Think Tanks bringen.
Noch einen Schritt weiter gehen die Fotos von Lucian Perkins, aufgenommen in seinem Heimatort Washington DC, im St. Joseph’s House – einem HIV/AIDS-Hospiz für Homeless People. Es sind brutal-ehrliche Bilder aus einem Asyl für Totkranke, die vor allem auch Achtung und Bewunderung für die jungen Frauen und Männer hervorrufen, US Flagge. iwanowski.blogdie sich um die Kranken kümmern und versuchen, ihnen die letzten Wochen/Tage so angenehm wie möglich zu machen. Um das schwächelnde Gesundheitssystem der USA geht es in einer anderen Bildserie: RAM – „Remote Area Medical“ – ist eine Organisation, die Menschen gratis medizinisch behandelt. Die Fotos zeigen Menschen, die sich mitten in der Nacht auf dem Volksfestplatz im Regen versammelt haben, um Familien, die in Autos übernachten um in der „mobilen Klinik“ die Zähne repariert oder die Augen untersucht zu bekommen.

Brutal-ehrliche Bilder von Elend und Armut

Wounded Knee. iwanowski.blogDanny Wilcox Frazier hat sich Midwestern America zum Thema gewählt, gemäß seiner Herkunft aus einer kleinen Stadt im ländlichen Iowa. Harte Arbeit, Konventionen und Rituale, Aussichtslosigkeit, soziale und wirtschaftliche Probleme, Dürre und Arbeitslosigkeit sind seine Themen. Es gibt ein grandioses Porträt der Landbevölkerung in einem Café in Kalona und die Aufnahmen der Badlands in South Dakota zeigen weniger die weite Landschaft, als vielmehr das Elend auf der Pine Ridge Reservation, Heimat der Lakota-Sioux, die noch heute an den Folgen der „Schlacht“ – genauer genommen dem Massaker – von Wounded Knee 1890 leiden.

Las VegasDie kontrovers skurrile Welt von Las Vegas schließlich ist das Thema der Serie „Stories through Multiple Cameras“ von David Burnett. Touristen und durch Pfändung heimatlos Gewordene werden gezeigt, dazu geht es in seinen Fotos auch wieder um Hurricane Katrina und seine Folgen. „The Flag“ als letztes Kapitel des Buches , ist ein Konglomerat von Bildern verschiedener Fotografen, eher zufällig aufgenommen, die alle die US-Flagge zeigen, wenn auch zu höchst verschiedenen Anlässen.

Facing Change von Leah Bendavid-ValLeah Bendavid-Val (Hrsg.), Facing Change: Documenting America, Prestel Verlag, Oktober 2015, 252 Seiten, 100 Abbildungen, ISBN 978-3-7913-4836-0, www.randomhouse.de/Buch/Facing-Change-Documenting-America/Leah-Bendavid-Val/e436352.rhd

© Text und Fotos: M. Brinke – P. Kränzle, Foto Buchcover: Prestel Verlag

 

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