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Joan Didion, „Woher ich kam“ – eine etwas andere Liebeserklärung an Kalifornien

Ein Buchtipp von den Autoren des Reisebuchs „USA-Westen“ und mehrerer anderer USA-Reiseführer bei Iwanowski, Margit Brinke – Peter Kränzle, Sept. 2019

Joan Didion (geb. 5.12.1934 in Sacramento/CA) war von früher Kindheit an dem Schreiben verfallen und erhielt als Journalistin und Autorin von Romanen, Theaterstücken und autobiografischen Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen.
Sie gilt als Begründerin der Gattung „Literary Journalism“ oder „New Journalism“ – beeinflusst von Hemingway (Foto: Grabmahl) und in einem Atemzug mit Tom Wolfe zu nennen.
Ihre Stärke ist die leicht ironische Beobachtung von Minderheiten und Subkulturen, Schwächen und Moralverfall in den USA.
Als Kind einer Militärfamilie zog sie viel herum, 1956 schloss sie ihr Studium der englischen Literatur an der UC Berkeley ab, damals war sie bereits bekannt als Autorin. Ihre Karriere beim Modemagazin „Vogue“ dauerte sieben Jahre, 1963 erschien ihr erster Roman „Run, River“ und ein Jahr später heiratete sie John G. Dunne, ebenfalls Journalist und Schriftsteller. Außer Romanen entstanden fortan Magazin-Serien, Reportagen und Essays sowie Reisebeschreibungen. Ihr breites literarisches Spektrum macht sich besonders im hier besprochenen Buch bemerkbar.

Kalifornien – ein Traum mit Schwächen

Joan Didion verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Kalifornien. In „Woher ich kam“, kürzlich neu auf Deutsch im Ullstein Verlag erschienen, spürt sie der Geschichte und den Mythen Kaliforniens nach und betreibt zugleich Ahnenforschung. Ihre familiären Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1766, zur Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter Elisabeth Scott Hardin, und reichen bis zu ihrer Mutter, Eduene Jerrett Didion, die 2001 starb und in Joan Didions Augen für die „Verwirrungen und Widersprüche kalifornischen Lebens“ stand.

Siedler-Trail nach Westen

Die Enkelin der Urahnin, Nancy Hardin Cornwall, kam mit dem Donner-Reed Treck Mitte des 19. Jahrhunderts über die Berge in den Westen. Von ihr (und anderen Familienangehörigen) besitzt die Autorin noch Dokumente und Erinnerungsstücke und zitiert Tagebucheinträge, die das Leben der frühen Pioniere, ihre Landnahme und das harte Farmleben beschreiben. Didion spricht aber auch über den frühen Eisenbahnbau und über aktuelle Ereignisse wie die Rodney-King-Unruhen in Los Angeles – ihr Spektrum ist vielseitig.
Ausgehend von ihrer Familiengeschichte geht Didion der Frage nach, was am „Kalifornischen“ überhaupt so besonders ist. Das Ergebnis ihrer Recherchen ist wenig schmeichelhaft. So steht zum Beispiel die extreme Abhängigkeit des Staates von Regierungsgeldern für sie in hartem Gegensatz zur Betonung ungehinderten Individualismus. Auch das kalifornische Zusammengehörigkeitsgefühl oder die Toleranz gegenüber Immigranten betrachtet Didion als Mythos und kreidet vielen Kaliforniern Narzissmus und Oberflächlichkeit an.

Vielseitige Schilderung auf hohem Niveau

Didions Hauptinteresse liegt im schonungslosen Herausarbeiten der kalifornischen Eigenheiten.
Ihre eigene Beziehung zu ihrer Heimat ist höchst wechselvoll und ebenso ist ihr Schreibstil: Historisches und Autobiografisches wird gemischt mit Reportagen und historischen Wendepunkten. „Woher ich kam“ ist Joan Didons persönliche Geschichte, die ihrer Familie und ihrer Heimat Kalifornien. Daten- und faktenreich geschildert in vielen Einzelaspekten, bunt, mosaikhaft und ein bisschen sprunghaft, mit viel Humor und Selbstironie, aber auch gelegentlich mit einer Spur Verbitterung, ist der Band das pures Lesevergnügen. In Hardcover solide gestaltet, fehlt leider nur noch das Lesebändchen, das, in Rosa, perfekt zum rosa gestalteten Cover gepasst hätte, das die Autorin selbst zeigt.

INFORMATION
Joan Didion, Woher ich kam, Ullstein Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783550050213 gebunden, 272 Seiten, 20 €
Aus dem Amerikanischen von Antje Ravic-Strubel.

HINWEIS
Wer sich für Joan Didion interessiert, findet eine weitere Buchbesprechung auf dem Iwanowski-Reiseblog vom 1. August 2019, und zwar von Joan Didions Notizen „Süden und Westen“ (Ullstein Buchverlage, Berlin 2018).

© Text: M. Brinke–P. Kränzle,
© Fotos: M. Brinke, Cover: Ullstein Verlag.

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