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Event-Tipp: Das National Cowboy Poetry Gathering in Elko/Nevada

„You just can’t see him from the road …“ Geschichten, Gedichte und Lieder vom Lagerfeuer

Ein Veranstaltungstipp von den Autoren mehrerer USA-Bände, darunter „USA-Westen“ und „USA-Nordwesten“, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, Mai 2019

But he’s still out there ridin‘ fences
Still makes his livin‘ with his rope
As long as there’s a sunset he’ll keep ridin‘ for the brand
You just can’t see him from the road

Die Behauptung, den Cowboy hätte es nur in der zweiten Hälfte des 19. Jh., zu Zeiten der Viehtriebe, gegeben und erst Hollywood hätte daraus einen Mythos gemacht, entspricht genauso wenig der Realität wie schicke Boots, Levi’s-Jeans, ein glitzernder Buckle, buntkarierte Hemden und ein breitkrempiger Hut aus einem „City Slicker“ einen Cowboy machen.

Gail Steiger

Es gibt ihn noch, den „echten“ Cowboy. Doch wie es der legendäre Liedermacher, Musiker und schwarze Cowboy Chris LeDoux (1948–2005) in einem Song beschreibt: Ein Cowboy drängt sich nicht ins Rampenlicht, er hält vielmehr die „Cowboy Ethics“ hoch – jene Regeln, die das Leben in den Weiten des amerikanischen Westens bis heute prägen: Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Ehrlichkeit, Zurückhaltung, Loyalität und Respekt vor Menschen, Tieren und Umwelt.

„Familientreffen“ in Elko

Doch gelegentlich steht der Cowboy dann doch im Rampenlicht, erzählt von seiner Arbeit und seinen Abenteuern, von Sorgen und Freuden, singt und tanzt und rezitiert Gedichte. Seit 1985 treffen sich in der Kleinstadt Elko/Nevada Ende Januar Cowboys, Rancher und Freunde des „Western Way of Life“. Hier in den endlosen Weiten des fast menschenleeren Nordosten Nevadas veranstaltet das 1980 zur Wahrung der Kultur des „American West“ gegründete Western Folklife Center das National Cowboy Poetry Gathering (NCPG), ein Event, das 2000 vom US-Senat sogar zum kulturellen Erbe erklärt wurde.
Das NCPG gleicht trotz Tausenden von Besuchern und höchster Professionalität eher einem Familientreffen: Jeder kennt jeden, „Stars“ der Szene und Normalbesucher mischen sich, man tauscht Geschichten, Lieder und Gedichte aus und feiert die echte „Cowboy Culture“.

Hal Cannon bei seiner Rede

Etwa 30 dichtende Cowboys – Männer und Frauen, denn hier wird der Begriff „Cowboy“ geschlechtsneutral benutzt – und Musiker unterhalten mehrere Tage lang das Publikum in Panels und Abendshows. Dazu stehen Diskussionen und Workshops, Tanzkurse und Tanz am Abend, Open-Mic-Veranstaltungen, Touren und Filmvorführungen auf dem Programm und es gibt Verkaufsstände.

Am Nabel der Cowboy Poetry

Elko mit seinen knapp 20.000 EW liegt im Great Basin, in karger menschenleerer Hochwüstenlandschaft, vor der Kulisse schneebedeckter Bergketten wie den bis zu 3.400 m hohen Ruby Mountains.

Landschaft bei Elko

1868, nach dem Bau der transkontinentalen Eisenbahnlinie, entwickelte sich der Ort zum Zentrum der Minenindustrie (Gold) und der Viehzucht. Das Herz des Städtchens schlägt um das Western Folklife Center (WFC) im historischen Pioneer Building, mit Ausstellungsfläche und Museumsladen, G Three Bar und Bühne. Hier rief 1985 der erste Direktor, Hal Cannon, unterstützt von dem lokalen Cowboy und Poeten Waddie Mitchell das erste Treffen der Cowboy-Poeten ins Leben. Das WFC allein ist längst zu klein geworden für das Treffen, es findet heute schwerpunktmäßig im Elko Convention & Conference Center statt.

Enorme Bandbreite

Auch das Spektrum hat sich vergrößert, nicht nur was die geografische Herkunft der Teilnehmer und Besucher angeht. Das Festival ist längst über Lagerfeuerromantik und Cowboy-Garn hinausgewachsen, bietet auf der Bühne weit mehr als weiße Gitarre spielende Cowboys und Rancher, Konventionen und Althergebrachtes.
Die Bandbreite an ausgewählten Akteuren, ihre Charaktere und Backgrounds, die Inhalte, Stile und Vortragsweisen ist riesig. Auf humorvolle Geschichten aus dem Alltag eines Ranchers und Cowboys hat sich zum Beispiel Rodney Nelson, Rancher und Rodeo-Cowboy aus North Dakota oder Ross Knox spezialisiert, oder auch Yvonne Hollenbeck, die aus der Sicht eines Ranch Wives erzählt. Beide stehen damit in der Tradition des legendären Waddie Mitchell. Er wurde 2011 sogar in die Nevada Writers Hall of Fame aufgenommen und erhielt 2012 den Nevada Heritage Award.

Eine andere Richtung vertritt John Dofflemyer, Rancher aus der südlichen Sierra Nevada in Kalifornien. Er ist ein waschechter Cowboy mit trockenem Humor, seine Gedichte sehr tiefgründig und höchst literarisch. Darüber hinaus schreibt der Dichter und Storyteller regelmäßig Lyrik und kurze Essays über Landwirtschaft, klimatische Veränderungen, Politik und Umweltschutz in seinem hochinteressanten „Dry Crik Journal“ (https://drycrikjournal.com).

Amy und Gail Steiger

Vielseitig und sprachgewandt: Amy Steiger, die zusammen mit ihrem Mann Gail Steiger auf einer Ranch nahe Prescott/Arizona – komplett andere Gegebenheiten! – arbeitet. Bisher vor allem schriftstellerisch tätig, hat sie sich zuletzt verstärkt der Poetry zugewandt. Gail hingegen kennt man als den „Protest Cowboy“, dessen Lieder auch immer wieder politische Themen aufgreifen. Er kämpft für die Belange der Rancher und Cowboys und für Umweltschutz.

Frauen und Jugend im Vormarsch

Neben Hollenbeck und Steiger gibt es eine Reihe weiterer Frauen, die mit ihren Geschichten und Gedichten begeistern. Dazu gehören beispielsweise Mary Flitner aus Oregon, Dianne Peavey, frühere Radioreporterin und heute Schaf-Rancherin in Idaho, Maria Lisa Eastman – Rancherin aus Wyoming, die zugleich pferdegestützte Workshops und Therapien anbietet – oder die bereits mehrfach für ihre Gedichte ausgezeichnete Deanne McCall aus New Mexico.

Intensiv und emotional: der Vortrag von Olivia Romo, die sich für Wasserrechte in New Mexiko einsetzt und ihre Gedichte mit spanischen Einschüben „vorlebt“. Auch andere junge Talente waren 2019 dabei, z. B. Sareena Murname, Brigid Reedy, die bereits als Kleinkind in Elko jodelte und jetzt auch Geige spielt, oder Colt Blankman. Sie orientieren sich (noch) eher an traditionellen Formen und rezitieren neben eigenen auch Gedichte ihrer Vorbilder.

Joshua Dugat und Vogue Robinson suchen nach neuen Formen und öffnen der Cowboy Poetry die Zukunft. Das ist auch das Anliegen von Rodeo-Cowboy Shadd Piehl aus North Dakota, der mit seinem Stil als Poetry Slammer durchgehen könnte. Ähnlich, aber doch eigenständig, ist der Stil des großen Paul Zarzyski. Seine grandios auf der Bühne dargebrachten Gedichte und Geschichten sind einer Mix aus freier Dichtung, Poetry Slam, Rap und Gesang.

Henry Real Bird

Zu den eher nachdenklichen Poeten zählen Joel Nelson, Vess Quinlan, der trotz Kinderlähmung Cowboy wurde und jetzt Lastwagen fährt, Sean Sexton – Rancher aus Florida – oder Henry Real Bird. Der Crow-Indianer versteht sich darauf, seine Zuhörer auf eine emotionale Reise in seine Heimat, die Crow-Reservation im Süden Montanas, zu schicken. Andy Hedges und Randy Rieman verstehen sich hervorragend darauf, Gedichte andere Poeten vorzutragen. Hedges setzt dazu seine Gitarre ein, während Rieman, erfolgreicher Wrangler und Pferdetrainer, sich seit Jahren auch intensiv mit der umfangreichen Korrespondenz des berühmten Western Art-Künstlers C.M. Russell befasst und auf dem Festival darüber berichtet.

Fernab vom Nashville-Sound

Das Musikspektrum ist ebenso breit gefächert. Western/Cowboy Music – die nichts mit der „weichgespülten“ Country Music aus Nashville zu tun hat – steht im Mittelpunkt. Neben legendären und eher traditionellen Liedermachern wie Mike Beck (Western Music), DW Groethe oder Gary McMahan, brin

gen die singenden Cowboys Matt Robinson und der schon erwähnte Gail Steiger, vor allem aber Ryan Fritz und sein Sohn Hoss aus Kanada neuen Wind. Ebenfalls ein Ohrenschmaus: der Kanadier Corb Lund und das Duo Rob & Halladay Quist (Vater und Tochter) oder Ned LeDoux, Sohn des legendären Chris LeDoux.
Ein schwarzer Louisiana-Cowboy, dessen Musik im Zydeco wurzelt, ist Geno Delafose, der 2019 den Zuschauerliebling Wylie Gustafson (Wylie & The Wild West) auf der Hauptbühne abgelöst hat. Der Pferdezüchter, -trainer und erfolgreicher Cutting-Cowboy Gustafson aus Montana begeistert mit seiner Bühnenpräsenz, mit Tanz- und Jodel-Einlagen und steht für eine spannende Mischung aus Cowboy und Western Music, traditionellem Country und Folk, Rock’n’Roll und Jodeln. 

Tish Hinojosa aus Texas steht für Tejano steht, die Musik der Texaner mexikanischer Herkunft. Ein besonderes Highlight war 2019 der Auftritt von 3hattrio (www.3hattrio.com), bestehend aus Hal Cannon, Eli Wrankle und Greg Istock. Ihre American Desert Music bricht mit allem bisher Dagewesenen und hat sie schon zu begehrten Gästen auf Folkfestivals, sogar in Europa, gemacht.

REISETIPPS

© Text & Fotos: M. Brinke-P. Kränzle

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