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Der „Onkel aus Amerika“ – ein Stenz mit Elvis-Koteletten

Ein unterhaltsamer Lesetipp von den Autoren des Reisebuchs „USA-Westen“ und mehrerer anderer USA-Reiseführer bei Iwanowski, Dr. Margit Brinke und Dr. Peter Kränzle, Oktober 2019

Der Ort: eine kleine Bergarbeiterstadt im Alpenvorland; die Zeit: die 1950er-Jahre, Nachkriegszeit. Es gibt nicht allzu viel Abwechslung und die Zukunft scheint wenig vielversprechend. Etliche sind ausgewandert, viele in die USA, auf der Suche nach Wohlstand, Reichtum und Glück. Die Angehörigen zeigen stolz windige Luftpostbriefe der ausgewanderten Verwandten herum. Doch nur wenige kehren zurück, Ausnahme: „Onkel Amerika“, der Onkel des jugendlichen Ich-Erzählers, der (vorgeblich) nach Amerika ausgewandert ist.

Ellis Island National Museum of Immigration in New York

Eine Rückkehr mit Folgen

Graffiti Motiv: Elvis Presley

Seine überraschende Rückkehr bringt das ganze „Kaff“, wie der Ort spaßhaft-abschätzig genannt wird, gehörig durcheinander. „Der Onkel aus Amerika, der arktische Held, der Bär von Alaska, der Bonanza-King – er war ein Stenz! Ein Stenz mit bestimmt nackenlangen, an den Seiten zurückgeschleckten Haaren und Koteletten bis unter die Ohrläppchen. Sein Jackett hatte die Farbe von rohem Rindfleisch…“ Dieser Stenz stand nach zehn Jahren plötzlich vor der Türe seines Elternhauses im Kaff. Vorgefahren war er im fetten Amischlitten und sein Auftauchen und Auftreten brachte Abwechslung und Gesprächsthemen in den tristen Alltag. Vor allem versetzte er das Dorf – und seinen Neffen – mit haarsträubenden Geschehnissen in Aufregung: Eine Hütte im Moos verschwindet spurlos, ein Volksschullehrer wacht in der Aussegnungshalle des Friedhofs auf. Es geschehen seltsame Dinge im Ort, teils lustige Streiche, teils ernste Racheakte, z.B. die Ahndung eines Falls von Kindesmissbrauch. Die „Symmetrie der Dinge“ müsse wiederhergestellt werden – so lautet nämlich das Lebensmotto des Onkels.

Für den Neffen des Heimkehrers ist er (und sein guter Freund, der „Samstagsboxer“ Carnera-Schorsch), so etwas wie der Held seiner Comics, eine Art Robin Hood, der den Bedürftigen zu ihrem Recht verhilft. Dabei erzählt der Onkel selbst so gut wie gar nichts von seinen Amerika-Abenteuern, so sehr der Junge auch bittet und schmachtet. In seiner Vorstellung muss er ein gemachter Mann sein, da er ja nach Amerika ausgewandert ist. Für ihn ist er „Alaskanischer Held, Rinderbaron, Öl-Tycoon, Bonanza-King, Gangster auf Urlaub, Killer mit Auftrag“, zeitweise aber auch nur ein „Stenz“. Er ist hin und hergerissen zwischen Bewunderung und Ernüchterung, Verehrung und Ablehnung, Vernarrtheit und Zweifel.

Was heißt es, Amerikaner zu sein?

Geschichte eines Dorfes

Mit Gespür für die Atmosphäre des Ortes und der Zeit erzählt Johann Bauer in seinem Debütroman die Geschichte eines Jungen und seiner Familie, zugleich aber auch des ganzen Dorfes, das immer noch unter den Nachwehen des Krieges leidet. Es ist die Rede von Kriegsgeschädigten und Vertriebenen, zerrütteten Familien und Familienhierarchien. Der alte Thalhammer, der Großvater des Erzählers und Vater des Onkels, ist ein harter Brocken, dessen Wundversorgung aus Draufpinkeln bestand. Er ist der uneingeschränkte kauzige Patriarch, während die etwas debile Großmutter, die Mutter und der „Bernreuter“ (der Vater), Tante Resi und ihr Mann gehorsame Vasallen sind, die nur dann aufblühen, wenn der Alte nicht dabei ist.

Es ist die Zeit der amerikanischen Einflüsse, rund ums Amerikahaus im Ort hängt man ab, dort gibt es Kaugummi und Lebenskultur, den Radiosender AFN und Dosen mit Corned Beef. Auch der junge Erzähler ist Fan des „Amisenders“ AFN, wo Musik lief, die „so ganz anders als der Schmus gleich nebenan“ war und aus der „etwas Gefährliches, Verbotenes“ herausklang. Corned Beef ist das „Fastfood“ damaliger Zeit, der Onkel isst es ständig mit dem Taschenmesser direkt aus der Dose. Dabei hatte der Junge doch die Vorstellung gepflegt, dass der Onkel, der in Amerika lebt, als Cowboy durch die Prärie zog und riesige Fleischstücke am Lagerfeuer verschlang!

Von Büstenhaltern und Kurzschlüssen im Kopf

Vergnüglich lesen sich auch die Abschweifungen, z.B. die Faszination des Jungen vom Büstenhalter der Frau Baumgärtl und „dass das, was man sah, nichts anderes war als eine Art Behältnis für das, was man nicht sah.“ „Die bestimmungsgemäß unmittelbare Nähe des Wäschestücks zum Busen von Frau Baumgärtl“ ging ihm nicht aus dem Kopf und führt zu allerhand spaßigen Kapriolen. Dann der Föhn aus den Alpen, der, wie es der Erzähler treffend schildert, die Leute „in einen Zustand versetzt, den ich… als ‚suchende Unruhe’ umschrieb… Die Föhnstürme lösten Kurzschlüsse in den Köpfen aus, Fehlschlüsse, unpassende unerklärliche Reaktionen…“

Eines Tages findet der Junge, versteckt im Zimmer des Onkels, die sieben „magischen Bücher“: Die Schatzinsel, Tom Sawyer, Moby Dick, Lederstrumpf, Lockruf des Goldes, Der letzte Mohikaner und die Morgengabe. Dazu kommt noch „On the Road“ von Kerouac, das dem Onkel unter die Chaiselongue – was für ein herrlich altmodisches Wort für Sofa! – gerutscht ist. Überhaupt ist das Buch sprachlich grandios: Es gibt „Typische Ja-aber-Wörter aus der Einerseits-Andererseits-Abteilung“, Weisheiten wie „Ja, ja, im Leben wird gestorben“ (Witwe Humpel-Böck), einen „Soso-Jaja-Sonntagnachmittag“ oder Sätze wie „das Wegwollen und das Hinwollen und schließlich auch noch das Wiederzurückwollen“.

Debütroman mit hohem Anspruch

Johann Bauer beherrscht sein sprachliches Werkzeug, dabei handelt es sich bei „Onkel Amerika“ um seinen ersten Roman. Bauers Anfänge waren bescheiden: Als junger Mann hatte er einmal über ein Ferienerlebnis in Frankreich geschrieben, eine Geschichte, die im Bayerischen Rundfunk vorgelesen wurde. Danach vergingen viele Jahrzehnte bis er im Ruhestand begann, die „Kaff-Geschichten“ in Schulhefte niederzuschreiben. Sie wuchsen zum Roman heran, den er schließlich mit der Schreibmaschine abtippte und im Leitz-Ordner an den MaroVerlag Augsburg schickte.

Zehn Jahre liegen zwischen Fertigstellung und der für den mittlerweile 76-jährigen Autor überraschenden Zusage und Veröffentlichung im MaroVerlag. Dieser Augsburger Verlag ist mittlerweile stolze 50 Jahre alt und mehrfach ausgezeichnet – ein kleiner, aber feiner Verlag, gegründet und geleitet von Benno Käsmayr (seit Kurzem unterstützt von Tochter Sarah). Der Schwerpunkt liegt auf amerikanischen und deutschen Autoren, Mainstream gab es hier nie. In den frühen Siebzigern bedeutete die Publikation der ersten Titel von Charles Bukowski auf Deutsch den Durchbruch für Benno und den MaroVerlag. John Fante, Jörg Fauser und Günter Ohnemus folgten, jetzt Johann Bauer, ein weiterer gelungener Coup.

Bauer, 1943 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, war acht Jahre alt, als er ins bayerische Penzberg kam, wohin sein Vater nach der Kriegsgefangenschaft als Polizist versetzt worden war – ähnlich wie der Vater des Erzählers. Bauer ging in Weilheim auf die kaufmännische Mittelschule, durchlief eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler bei Goldmann und zog als Werbetexter in die Großstadt München. Über viele Zwischenstationen lebt er heute mit seiner Frau in Dießen am Ammersee.

Angesichts seines Alters überrascht bei Bauer ein verblüffend leicht-beschwingter, jung klingender Schreibstil mit vielen Nebensträngen. „Onkel Amerika“ hätte Potenzial, verfilmt zu werden, wie Anna Wimschneiders „Herbstmilch“. Es ist die perfekte Lektüre für einen gemütlichen Nachmittag auf dem Sofa. Auch wenn am Ende der Traum des Protagonisten „Seite an Seite westwärts in den Sonnenuntergang zu reiten wie John Wayne und Jeffrey Hunter im Schwarzen Falken“ platzt, ist es ein höchst vergnügliches Buch.

 

INFO

Johann Bauer „Onkel Amerika: und die wundersamen Jahre der Symmetrie.“

Broschur, 272 Seiten, ISBN 978-3-87512-487-3
MaroVerlag Augsburg 2019, 20 Euro

Umschlag: Julia Dambuk; www.maroverlag.de

 

©Text: M. Brinke – P. Kränzle, ©Fotos: M. Brinke mit Ausnahme Buchcover (©Maro Verlag Augsburg).

 

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