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„America“ – Wie man einst die „Neue Welt“ sah Ein ganz besonderer Bildband aus dem Taschen-Verlag

Ein besonderer Buchtipp von den Autoren mehrerer Iwanowski’s USA-Reisehandbücher, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, November 2019

 

Aufwändig illustrierte Bücher über ferne Länder und Menschen werden selbst im digitalen Zeitalter noch immer hoch geschätzt. Die großformatigen, üppig mit Fotos ausgestatteten Bände zieren jedoch nicht nur die Bücherregale, sondern erlauben zugleich von der Couch aus auf Reisen zu gehen.

Clevere Geschäftsidee: eine Reisebuchsammlung

Am Anfang solcher Prachtbände, die Daheimgebliebene über fremde Länder und Kulturen informieren, steht der Name Theodor de Bry (1528–1598), seines Zeichens Kupferstecher und Verleger.
Er gab im Jahr 1590 den ersten Band seiner America-Reihe heraus, zu einer Zeit, als die „Neue Welt“ für die Mehrheit der Europäer noch unbekannt war.
De Bry war geschäftstüchtig und hatte erkannt, dass sich der des Lesens mächtige Bevölkerungsteil nach Neuigkeiten und Bildern aus der „Neuen Welt“ sehnte. Er fertigte in seiner Werkstatt anhand von Reiseberichten berühmter Entdecker Nord- und Südamerikas eine Sammlung handkolorierter Kupferstiche an. Sie sollten den Europäern die faszinierende und fremdartige Welt jenseits des Ozeans näher bringen.
Die prachtvoll illustrierten Reiseberichtsammlungen, die der 1528 in Lüttich (Belgien) geborene und nach Aufenthalten in Straßburg, Antwerpen und London in Frankfurt bis zu seinem Tode 1598 lebende de Bry realisierte und überaus erfolgreich vermarktete, boten den Zeitgenossen die damals aktuellsten Bilder und spannendsten Berichte vom mythischen Doppelkontinent Amerika. Bei der Zusammenstellung waren auch seine beiden Söhne Johann Theodor (1561–1623) und Johann Israel (1570–1611) sowie Johann Theodors Schwiegersohn Matthäus Merian (1593–1650) aus Basel maßgeblich beteiligt.

Über fremde Länder und exotische Kulturen

Begegnung zwischen indigenen Völkern

Der 2019 vom Kölner Taschen-Verlag herausgegebene, schwergewichtige Band gibt die einstige Pracht der historischen Buchreihe gut wieder: Von „Virginia“ – was dem heutigen North Carolina entspricht – und Florida, durch Zentralamerika bis hinunter nach Patagonien, zeigt „America“ Landschaften, fremdartige Kulturen und erste Begegnungen zwischen indigenen Völkern und Europäern.
Der von Michiel van Groesen und Larry E. Tise herausgegebene Band umfasst 218 Bildtafeln von ursprünglich neun Bänden, zusammen mit ihren jeweiligen Frontispizen und Karten. Die Bände I bis VI basieren auf den handkolorierten Originaldrucken, die an der Brown-Universität in Providence aufbewahrt werden; die Vorlagen für die Bände VII bis IX stammen aus der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.
Ursprünglich hatten die de Brys zwei Reisebericht-Sammlungen herausgegeben, die insgesamt 25 Bände im Folioformat umfassten. Es handelte sich um die 13 Bände der „America“-Serie sowie um zwölf Bände „India Orientalis“, ein Werk, das sich mit Afrika und Asien beschäftigt.

Uramerikanische Kultur und Handwerk

Etwa 50 Reiseberichte von Europäern aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert waren dazu ins Deutsche und Lateinische übersetzt und mit knapp 600 großformatigen Kupferstichen ausgestattet worden.

Viele Quellen und etwas Fantasie

Beachtlich ist, dass De Bry und seine Söhne die Neue Welt selbst nie bereist hatten. Allein die Texte von Kolonisten, Forschungsreisenden und Abenteurern wie Thomas Harriot, Girolamo Benzoni oder Sir Walter Raleigh dienten ihnen als Grundlage, dazu kamen Darstellungen von Augenzeugen wie John White, Gründer der „verschwundenen“ Roanoke-Kolonie, oder dem Maler Jacques LeMoyne de Morgues. Wo Bildmaterial fehlte, wurde einfach auf die eigene Fantasie zurückgegriffen.

Pilgrim Fathers Ship

So vielfältig wie die Quellen waren, so komplex und heterogen war auch das Bild der Neuen Welt. Idealisierte edle Wilde, die in einer fruchtbaren, paradiesischen Landschaft die Gaben der Zivilisation – Gott und Glasperlen – dankbar entgegennehmen, stehen neben Szenen furchtbarer Massaker, begangen von nun barbarischen Unreinwohnern, aber auch von den Truppen der Kolonialmächte.
Blättert man durch den Prachtband, versteht man, warum die Stiche de Brys die europäische Wahrnehmung der beiden Amerikas nachhaltig prägen sollten. Einige von ihnen, z.B. die Darstellung von der Landung Kolumbus oder das den Mythos von Eldorado begründende Bild des Indio Dorado, wurden zu Ikonen, die sich noch heute in Lehrbüchern zur amerikanischen Geschichte finden lassen.

Gewichtiger Prachtband

Herausgegeben und mit lesenswerten Einführungstexten versehen wurde der Prachtband von Michiel van Groesen und Larry E. Tise. Ersterer ist Professor für maritime Geschichte an der Universität Leiden und erforscht besonders die europäischen Vorstellungen von der „Neuen Welt“ in der frühen Neuzeit. Tise ist seit 2000 Geschichtsprofessor an der East Carolina University, seine Forschungen reichen von frühen Entdeckern wie Thomas Harriot und Sir Walter Raleigh bis zu den Wright-Brüdern. 2016 erforschte er die umfangreiche Sammlung handkolorierter Karten und Bücher der John Carter Brown Library aus dem 16. Jahrhundert.

Zugegeben, das im Taschen Verlag erschienene Buch ist nicht preiswert, doch neben seiner Bedeutung als Zeitdokument machen allein seine Ausmaße, vor allem aber seine aufwändige Gestaltung und der Druck auf speziellem Papier den Band zu einem Muss in jeder Bibliothek.

INFO
Theodor de Bry „America“ – Herausgeber Michiel van Groesen und Larry E. Tise
Taschen Verlag, Hardcover, in Leinen gebunden,
28,5 x 39,5 cm, 376 Seiten; ISBN 978-3-8365-7709-0 (Ausgabe: Deutsch), 100 Euro.

©Text: M. Brinke – P. Kränzle, Fotos vom und aus dem Buch: ©Taschen Verlag Köln, übrige: ©M. Brinke.

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