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USA-Buchtipp: Colson Whiteheads Underground Railroad – The Great American Novel?

Eine Buchempfehlung von den Autoren mehrerer USA-Bände, darunter „USA-Westen“ und „USA-Ostküste“, Margit Brinke – Peter Kränzle, November 2017

Zugegeben, Colson Whiteheads Bestseller über eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Amerikas, die Sklaverei, ist fesselnde Lektüre, die man so schnell nicht aus der Hand legt. Whitehead (*1969) ist Afroamerikaner, stammt jedoch aus der gehobenen Mittelschicht und hat in Harvard studiert. Außer dem Pulitzer Preis 2017 hat er schon etliche andere Auszeichnungen erhalten und zuvor mit „Der Koloß von Rhodos“ (2005) oder „Der letzte Sommer auf Long Island“ (2011) für Aufsehen gesorgt. Sein neuestes Buch, unter dem Titel The Underground Railroad bei Doubleday in New York erschienen und kürzlich im Hanser Verlag in Deutsch vorgelegt, wird als „The Great American Novel“ gehandelt.

Reise mit der Underground Railroad

Sklavenhütte

Sklavenmarkt in Charleston

Es ist, zumindest vordergründig, ein Roman über die Geschichte der Sklaverei im Amerika des 19. Jh. am Beispiel von Cora, einer jungen Sklavin, die auf einer Baumwollplantage in Georgia schuftet, geschunden wird und schließlich flieht. Das Buch beginnt sehr „Tarantino-haft“ – hingewiesen sei nur auf seinen Film „Django Unchained“ –, mit blutigen, ungerechten Bestrafungsaktionen auf der Plantage und brutaler tagelanger Folter und Tod. Wie ihre Mutter Mabel träumt auch Cora von der Flucht, die ihr schließlich mit Hilfe des heimlich Gulliver’s Reisen lesenden Sklaven Caesar durch die Sümpfe gelingt. Er bringt sie zur Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. 
Mit einer Eisenbahn gelangen die beiden zunächst nach South Carolina. In diesem vermeintlich liberalen Staat besucht Cora die Schule, kommt aber zugleich in Kontakt mit Medizinern, die Euthanasie-Experimente mit Afroamerikanern durchführen.
Sie trifft Leichendiebe, Kopfgeldjäger, obskure Ärzten, aber auch mutige Bahnhofswärter und lernt die ideologischen Fronten der Zeit kennen: die Abolitionisten, die Leibeigenschaft für Sünde hielten, und die ruchlosen Plantagenbesitzer, den monsterhaften Sklavenfänger Ridgeway und den afro-amerikanischen Freiheitskämpfer Frederick Douglass (s. Foto) in Gestalt von Elijah Lander.
Die Flucht geht weiter, nach North Carolina, wo es „die schwarze Rasse nur an den Enden von Stricken“ gab. Hier verfolgt Cora vom Dachboden ihrer weißen Fluchthelfer die Exzesse in der Stadt, die schließlich in der Aufdeckung ihres Verstecks und im Tod ihrer Helfer enden. Durch Tennessee geht es in den Norden und Cora merkt schnell, dass jeder Staat andere Gesetze und andere Moralvorstellungen hat und andere Gefahren birgt.Am Ende ihrer Reise und des Buches steht Cora vor einem Geistertunnel, der in den Tod oder in den Norden führt.

Abrechnung mit der Gesellschaft

Temporeich und wortgewandt beschreibt Whitehead dieses „Universum aus Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt“ mit bisweilen surreale Zügen. Allerdings vergisst er dabei häufig die historischen Fakten. Genaue Hintergründe, Zeiten und Personen interessieren ihn nicht. Wann genau die Geschichte der schwarzen Sklavin Cora, die von der Plantage flieht, spielt, bleibt ebenfalls unklar.
Ein Kuriosum ist jedoch, dass die „Underground Railroad“ hier keine Metapher für das einst real existierende Hilfenetzwerk für entlaufene Sklaven ist, sondern ein unterirdischer (Dampf-)Zug mit Haltepunkten, Stationsaufsehern und Schaffnern. Whitehead ersinnt ein Tunnel- und Schienensystem mit „Bahnhöfen“ in Kellern von Farmhäusern oder Schächten von Fabriken, verborgene Gleise, auf denen Draisinen oder dampfschnaubende Ungetüme in die Freiheit im Norden fahren. In Realität handelte es sich jedoch um ein von weißen Abolitionisten aufgebautes Netzwerk, das Sklaven – 1865 sollen es um die vier Millionen gewesen sein – die Flucht in den Norden ermöglichte.

Historische Wahrheit bleibt auf der Strecke

Auch die Existenz von Fahrstühlen, Hochhäusern und Dampfeisenbahnen, wie im Buch erwähnt, zeigt, wie wenig genau es der Autor mit der historischen Wahrheit nimmt.
Die Frage, die sich dabei stellt ist, inwieweit es legitim ist, die Tradition des „Slave Narrative“, Erfahrungsberichte ehemaliger Sklaven, zur Fiktion zu machen.
Wie würden Autoren wie Frederick Douglass, Harriet Ann Jacobs, William Wells Brown oder Harriet Beecher Stowe dazu stehen?
Die „Great American Novel“ dürfte hier eher nicht vorliegen, dazu geht der Autor zu willkürlich mit der Historie um und nimmt dem Roman so die realistische Basis. Dennoch ist er als historisch-fiktiver Roman hochaktuell, denn nur vor dem Hintergrund der Sklaverei lässt sich der heutige Rassismus verstehen, der seit Generationen im Erbgut der weißen wie der schwarzen Amerikaner verankert ist. Für Whitehead ist dieses Buch eine Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, „schwarz“ zu sein in Amerika. Und spannende Lektüre.

INFO:
Colson Whitehead, Underground Railroad, Hanser Literaturverlage 2017, übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, 352 Seiten, 24 €.

© Text: Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle, Fotos: Verlag (Buchcover), übrige: M. Brinke.

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