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Der besondere USA-Buchtipp: Verlorene Welten – Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910

Ein Lesetipp von den Autoren mehrerer USA-Bände, darunter „USA-Nordwesten “ oder „USA-Westen“, Margit Brinke – Peter Kränzle, Feb. 2018

An Indianerbüchern herrscht auf dem deutschen Buchmarkt sicher kein Mangel. Sie ähneln sich häufig, oft handelt es sich um eine Mischung aus Bilder- und Geschichtsbuch, und stehen die gleichen Themen, Völker und Persönlichkeiten im Mittelpunkt. Zu gerne wird das Bild vom „edlen Wilden“ weiter propagiert. Aus dem Rahmen fällt erfreulicherweise das neue Buch von Aram Mattioli „Verlorene Welten – Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910“.

Aram Mattioli (*1961), lehrt als Professor für Neueste Geschichte an der Universität Luzern, nachdem er zuvor an der Universität Basel Geschichte und Philosophie studiert hat. International bekannt geworden ist Mattioli durch seine Forschungen zum faschistischen Italien, doch seit einigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte der Indianer Nordamerikas.

In den Fußstapfen von Dee Brown

Das 464 Seiten umfassende neue Buch wendet sich keineswegs ausschließlich an ein akademisches Publikum, sondern in erster Linie an interessierte Laien. Dennoch ist der Anhang mit einem umfassenden und aktuellen Literaturverzeichnis sowie zahlreichen Anmerkungen und einer kompakten Zeittafel ein besonderer Pluspunkt des Buches.

Mit seinem Buch tritt Mattioli das Erbe Dee Browns und seinem Standardwerk zur jüngsten Geschichte der Indianer Nordamerikas von 1970 „Bury my Heart at Wounded Knee“ (deutsch: „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“) an. Damit wurden erstmals die Indianerkriege in Nordamerika von den 1860er Jahren bis zum titelgebenden Massaker von Wounded Knee im heutigen South Dakota Ende Dezember 1890 aus der Sicht der betroffenen Indianer beschrieben. Auch wurden damals mit Browns Buch bis dato unbekannte Fakten bekannt gemacht.

Noch heute ist Browns Werk unübertroffen und ein Muss für jeden, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Inzwischen muss man aber im gleichen Atemzug Mattiolis Werk erwähnen. Auch der Schweizer erzählt die Geschichte Nordamerikas zwischen 1700 und 1900 aus der Sicht der Indianer. Darüber hinaus ergründet er eingehend die politischen Motive aller Seiten im erbarmungslosen Kampf um den Kontinent, der letztendlich zur Vernichtung der Lebensformen und Kulturen der indianischen Völker führte.

Gelungene Schilderung indianischer Geschichte

Umfassend erzählt und deutet Aram Mattioli die Geschichte der Indianer und ihrer Vernichtung vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, auch vor dem Hintergrund globaler Geschehnisse. Eindringlich beschreibt er den langen und gewaltsamen Prozess der Kolonisierung durch die weißen Siedler. Dabei bezieht er stets die Sicht der unterlegenen Indianer gleichberechtigt in die Betrachtung mit ein und legt interessant dar, wie indianische Nationen ganz unterschiedlich auf die Landnahme reagierten.

Obwohl die kulturellen Leistungen der Indianer ebenso zur Sprache kommen wie die großen sozialen Umwälzungen und die vielfältigen Lebensformen, ist Mattiolis Buch keine idyllisierte Schilderung der Indianer. Dagegen beschreibt der Autor ausführlich und packend ihre Kämpfe um die Unabhängigkeit und zeichnet treffende Porträts gleichwohl der einfachen Menschen wie der großen politischen Akteure.

Blick über den Tellerrand

Einziges Manko des Buches ist die Fokusierung auf den Nordosten, Kalifornien und die Prärieregion. Dadurch entsteht der Eindruck, es habe sich nur um einen Konflikt zwischen den USA und den dort lebenden indianischen Völkern gehandelt. Dabei hätte die Einbeziehung des Südwestens gezeigt, dass schon die ersten Europäer auf dem Kontinent, die Spanier, den Verlauf der Konflikte vorgezeichnet hatten.

Auch die im Buch ausgesparte Geschichte der zweiten britischen Kronkolonie, der 1620 gegründeten Plimouth Plantation im heutigen Massachusetts, wirkt wie eine Blaupause der späteren Ereignisse: Die Siedler nutzen die von den – zuvor durch eingeschleppte Krankheiten dezimierten – Indianern geschaffene „Infrastruktur“ und freunden sich mit den Ureinwohnern an, weil sie deren Hilfe und Kenntnisse benötigen. Am Ende kam es dennoch zum Konflikt, da die Siedler immer weiter expandierten und die Indianern an den Rand drängten.

Ungeachtet der kleinen Auslassungen ist Mattioli ein anregendes und packend zu lesendes Buch über die Verwandlung der amerikanischen Welt gelungen, das nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart ein neues Licht wirft.

INFO:
Aram Mattioli, Verlorene Welten – Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910, Klett-Cotta 2017, 464 Seiten, mit zahlreichen Karten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-608-94914-8, 26 €

© Text: M. Brinke-P. Kränzle, Fotos: Buchcover: Klett-Cotta Verlag, Porträt des Autors ©privat, Wampanoag Indianer: Maine Office of Tourism, übrige: M. Brinke.

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