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Buchtipp: „Zuhause“ aber einsam im Pfarrhaus

Ein Lesetipp von den Margit Brinke & Peter Kränzle, den Autoren mehrerer USA-Bände bei Iwanowski’s, darunter „USA-Ostküste“ und „USA-Nordosten “, Mai 2019

Marilynne Robinson, 1943 in Idaho geboren und heute in Iowa lebend, ist eine der bekanntesten, vielfach ausgezeichneten zeitgenössischen amerikanischen Romanschriftstellerinnen. Ihre Popularität wuchs besonders, als der frühere Präsident Obama sie als eine seiner Lieblingsautorinnen bezeichnete.
Robinson hat eine Romantrilogie verfasst, die seit der Veröffentlichung des zweiten Teils, „Zuhause“ im S. Fischer Verlag im Oktober 2018 nun auch in deutscher Sprache komplett vorliegt. Kurioserweise ging die Übersetzung von Teil 3 diesem Band voraus. „Gilead“, „Zuhause“ und „Lila“ spielen alle in dem fiktiven Ort Gilead, irgendwo in den Weiten von Iowah. Der Ortsname stammt übrigens aus der Bibel und bezeichnet ein steiniges, karges Berggebiet östlich des Jordan.

Rückkehr nach Gilead

„Home“, 2008 in Englisch veröffentlicht, folgt auf Teil 1, „Gilead“, in dem es um die Erinnerungen des alten Priesters John Ames in Form eines langen Briefes an seinen Sohn geht. „Lila“, Teil 3, beleuchtet das Schicksal von Ames‘ zweiter Ehefrau.
„Zuhause“ handelt von der Familie des mit Ames befreundeten Reverend Robert Boughton. Gleich zwei der insgesamt acht Geschwister kehren in den 1950er-Jahren nacheinander ins Elternhaus im öden Provinznest Gilead zurück, wo der alte Vater, ein Presbyterianer-Pfarrer, allein und kränkelnd lebt.
Glory Boughton, die 38-jährige, jüngste Tochter kommt, nach einer gescheiterten Beziehung, als Erste heim, um den Vater zu pflegen. Ihr folgt wenig später der fünf Jahre ältere Bruder Jack. Nach über 20 Jahren Abwesenheit wird er vom Vater mit großer Freude erwartet und empfangen. Nachdem er ein Mädchen aus der Nachbarschaft geschwängert hatte, war er verschwunden und nicht einmal zur Beerdigung seiner Mutter vor zehn Jahren gekommen. Acht Kinder sind im alten Haus des Ehepaares aufgewachsen, alle gut geraten und gläubig – mit Ausnahme dieses einen Sohnes.
Jack hatte immer als der »Bad Boy“ der Familie gegolten, als faul und frech, labil und wankelmütig. Im Roman kommen seine Jugendstreiche zur Sprache, weit schwerer aber wiegen seine Alkoholsucht und die Tatsache, dass er im Gefängnis war. Das Alter Ego des Vaters, Reverend Ames, verachtet den Heimkehrer, doch der Vater – selbst von Schuld geplagt – nimmt seinen Liebling, der ihn ehrfurchtsvoll „Sir“ nennt, mit offenen Armen auf, zieht ihn sogar der sich aufopfernd kümmernden, sanftmütigen Tochter Glory vor.

Annäherung und Kritikbewusstsein

Auch Schwester und Bruder nähern sich an. Nach vorsichtigem Abtasten entwickelt sich das anfangs etwas angespannte Verhältnis zum Positiven, die „Fromme“ und der „Abtrünnige“ arbeiten gemeinsam ihre Vergangenheit auf. Die immer traurig wirkende, allein gelassene, religiöse gute Fee im Elternhaus und der Ex-Alkoholiker, der beginnt den Pfarrgarten zu pflegen und am alten Oldtimer zu schrauben, wirken wie zwei Gescheiterte, die sich aneinander aufrichten.

Pfarrgarten

Jack schreibt ständig Briefe, erhält jedoch nie Antworten. An wen er schreibt, wird erst am Ende des Romans klar, als sie an der Gartentüre steht: eine Frau namens Della, die er kurz nach der Entlassung aus der Haft kennengelernt hat. Sie hat sich mit dem gemeinsamen Sohn Robert und der Schwester auf den Weg gemacht, Jack zu finden, doch vergebens, denn dieser hat bereits das Weite gesucht, als der Vater im Sterben liegt.
Mehrmals sind die Rassenunruhen in Montgomery ein Thema. Während der alte Patriarch und sein Freund die schwarze Bürgerrechtsbewegung als nebensächlich und vorübergehend abtuen, hält sie Jack für wichtig und wird einmal sogar ungehalten – aus Gründen, die man später erfährt. Während die Polizei schwarze Demonstranten mit Schlagstöcken und Hunden zurückdrängt, meint der Vater: „Man darf diesen Ärger nicht zu ernst nehmen. In einem halben Jahr erinnert sich kein Mensch mehr daran“. Jack darauf: „… ich habe in Städten gelebt, wo es Neger gibt. Es sind oft gute, fromme Christen“. Er bezweifelt, dass die Kirche ihre Sache gut gemacht hat, wie es die Alten betonen.

Religiöser Roman mit Tiefgang

Zugegeben, dieser Roman erfordert etwas Resilienz, wer auf Action steht, wird hier enttäuscht. Es ist ein religiös angehauchtes Buch, erzählt von Scham und Würde, von Gnade und Vergebung. Es geht um Fragen des Glaubens, um Sünde, Schuld und Scheitern, Demut und Fürsorge, Pietät und Moral, aber auch um Rassismus und dessen Überwin­dung durch Liebe. Das Haus ist von Bibelzitaten und geistlichen Liedern am Klavier erfüllt. Erfrischend normal und feinfühlig dann die Alltagsszenen aus einem Pfarrhaus – Küchengespräche, Gartenarbeit, Erinnerungen an die Kindheit – vor allem diese Dialoge belegen die große Erzählkraft der Autorin.

INFORMATION
Marilynne Robinson, Zuhause. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling.
Fischer Verlag Frankfurt, 2018, Hardcover, ISBN: 978-3-10-002458-9, 22 €.

© Text:  Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle
Fotos: © M. Brinke mit Ausnahme Buchcover (© S. Fischer Verlag) und Autorenfoto (© Verlag/UlfAndersen). Foto von Rosa Parks aus der Ausstellung im National Museum of African American History & Culture in Washington DC.

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