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Buchtipp: Gringo Champ – Faustschläge und Sprachakrobatik

Ein Lesetipp von den Autoren mehrerer USA-Bände bei Iwanowski’s, Dr. Margit Brinke – Dr. Peter Kränzle, Juli 2019

Bedeutender mexikanischer Gegenwartsroman

„UND DA DURCHFÄHRT ES MICH, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein andres Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe. Bin schließlich tot auf die Welt gekommen und habe kein Fünkchen Schiss.“
Schon die ersten Sätze des Romans ziehen den Leser mitten hinein in den furiosen Debütroman der 1995 in Mexico-Stadt geborenen Aura Xilonen (.Foto rechts) über einen mexikanischen Immigranten. Für die Geschichte von Liborio, der wie Tausende anderer unbegleiteter Jugendliche Mexiko verließ um im „Gelobten Land“, der USA, ein neues Leben zu beginnen, erfand Aura Xilonen eine radikal neue, atemlose Sprache.

Bücher und Boxring

„Hirnverbranntes Stück, lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und du ein fokkin Book verkaufen kannst!“ Mit diesen Worten fährt der Chef in der Buchhandlung Liborio an, der sich hier als illegaler Buchverkäufer – und nebenher als Sparring-Boxer – über Wasser hält. Und der jetzt seine verrückte Geschichte erzählt, an dessen Ende er es schafft, ein „Gringo Champ“, ein preisgekrönter Top-Boxer, zu werden.

Boxring

Seine Vergangenheit könnte in Hollywood erfunden worden sein: Dem mexikanischen Waisenjungen Liborio ist, gerade volljährig, nach vielen Entbehrungen der illegale Grenzübertritt in die USA gelungen. Er mag zwar schmächtig sein, doch er kann einstecken, und dank seiner ungewöhnlich harten Fäuste jeden Gegner mit einem Hieb niederstrecken. Wie ein Stehaufmännchen steht er immer wieder auf und lässt sich nicht unterkriegen. Als das Video einer Prügelei, bei der er sich gegen eine Gang behauptet, durchs Netzt geht, wird er schlagartig berühmt. Er wird zunächst als Sparrings-Partner engagiert, später tritt er selbst als Champion-Boxer an.

Grenzdorf bei El Paso

Doch Liborio kann nicht nur knallhart zuschlagen und einstecken, er ist trotz der „wilden“ Sprache auch hochintelligent. Während seiner Tätigkeit beim Buchhändler fängt er an zu lesen, vor allem die Klassiker der Weltliteratur. Bücher werden für ihn und die jugendlichen Straßenkinder um ihn herum zu Rettern aus Verzweiflung und Alltagselend. Der Boxer Liborio entwickelt sich tragisch-komischen Helden, der wie einst Don Quijote gegen die „Windmühlen der Welt“ kämpft und wie jener Dulcinea seine Geliebte Naomi verehrt.

Frisch-frecher Debütroman

Unter der Devise „Flüchtlingsjunge aus Mexiko boxt sich hoch zum erfolgreichen Kampfsportler und zum Schriftsteller“ mag Aura Xilonens viel gelobter Debütroman vordergründig etwas kitschig und klischeehaft erscheinen. Vor allem ist ihr erster Roman aber frisch und jugendlich-frech, er ist sprachlich herausragend und innovativ – eine Mischung aus Sprachakrobatik, Poetry Slam, Rap und Musik.
Einerseits schreibt Xilonen in „Spanglish“ – die Autorin spricht lieber von „Ingleñol“ –, der Sprache, die auf den Straßen im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet gesprochen wird, dann wiederum in einer altertümlich anmutenden Literatursprache. Es sind genau diese stilistischen Brüche, die das Werk so spannend machen, ihr Ringen um eigene Ausdrucksmittel, eine eigene, passende Sprache. Zunächst verwendet Xilonen Slang, denn anfangs hat Liborio nur einen kleinen und mangelhaften Wortschatz. Durch sein ständiges Lesen lernt er jedoch rasch dazu, bezeichnet die Dinge mit seinen eigenen, einzigartigen Begriffen und verwendet bald auch die Sprache von Klassikern wie Cervantes.

Leidensgeschichte mit Happy End

„Ich dachte an die Tragödie und das Leiden meiner Figur und übertrug es auf die tausenden Leidenden, die dort an der Grenze existieren müssen,“ erzählt die Autorin über ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben. Und, sie gab ihm ein Happy End, denn „die Welt wird schon so viel von Gewalt beherrscht; … Obwohl ich Liborio in realen Situationen der körperlichen und emotionalen Gewalt darstellen wollte, wollte ich dieser Wut und diesem Hass gleichzeitig die Hoffnung, Liebe und Solidarität der Menschen in Liborios Umfeld entgegensetzen.“
Aura Xilonen hat eine Fluchtgeschichte geschrieben, die zur Liebesgeschichte wird. Es ist kein Roman über die amerikanische Flüchtlingspolitik oder über Trumps berüchtigte Mauer (die im Übrigen schon lange in großen Teilen existiert), sondern „ein großes Requiem auf die Menschlichkeit … ein Hymnus auf das Leben,“ wie ein begeisterter Kritiker schrieb.
Besonders löblich hervorzuheben ist auch die Übersetzerin Susanne Lange. Sie schafft es, die Sprachexplosion der jungen Autorin in einen ebenso knackig-frischen deutschen Text umzusetzen.

INFO
Aura Xilonen, Gringo Champ (Hanser Verlag, 2019); aus dem Spanischen von Susanne Lange, 336 Seiten, 23 €, ISBN 978-3-446-26000-9

© Text: Dr. M. Brinke – Dr. P. Kränzle
© Fotos: M. Brinke, mit Ausnahme Buchcover (Hanser Verlag) und Foto Autorin (Aura Xilonen/Hanser Verlag).

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