Kommentare 0

USA-Texas/Buch- und Reisetipp: „Der erste Sohn“ – Ein packendes Epos über den amerikanischen Westen

Der besondere Lese- und Reisetipp von M. Brinke und P. Kränzle, Autoren im Iwanowski’s Reisebuchverlag von „USA-Ostküste“, „USA-Westen“ und vielen anderen USA-Bänden, Juni 2014

„… Texas ist beglückend, verärgernd, gewalttätig, bezaubernd, grausam, herrlich – kurzum: voller Leben.“ Edna Ferber (1885-1968) charakterisierte in ihrem Epos „Giant“ (1952, dtsch.: Giganten, 1954, Neuaufl. 2005), der eine texanische Rancher-Dynastie zum Thema hat, den ungewöhnlichsten der 50 US-Bundesstaaten vortrefflich. Allein die Ausmaße – Deutschland passt fast zweimal hinein –, doch auch die komplexe Geschichte machen Texas USA_Texas_Iwanowskiselbst für Einheimische schwer fassbar. Ausgerechnet Texas zum Thema eines Romans zu machen, ist schwierig und auch nur Wenigen gut gelungen: Neben Edna Ferber beispielsweise Larry McMurtry („Lonesome Dove“), Cormac McCarthy („Blood Meridian“, „All the Pretty Horses“) oder dem wenig bekannten Americo Paredes („George Washington Gomez“).
In diese illustre Gruppe reiht sich nun auch Philipp Meyer ein. Bereits kurz nach Erscheinen von „The Son“ 2013 in den USA erschien Ende Mai 2014 die von Hans M. Herzog vorzüglich übersetzte deutsche Ausgabe „Der erste Sohn“ im Knaus-Verlag und wurde als „moderner amerikanischer Klassiker“ bejubelt. Meyers Roman setzt zugleich die Reihe moderner Western fort, die ins Leben gerufen wurden von McMurtry und McCarthy. Auch Thomas Berger (Little Big Man), Oakley Hall (Warlock), James Carlos Blake (In the Rogue Blood) oder Elmore Leonard (Last Stand at Saber River) sind Vertreter dieses Genres.

Moderner amerikanischer Klassiker

Texas_USA_Reisen_IwanowskiObwohl der 1974 in Baltimore/Maryland geborene Philipp Meyer die Schule vorzeitig verließ und sich zunächst mit diversen Jobs über Wasser hielt, entschloss er sich mit 20 zu einem Literaturstudium an der Cornell University (Ithaca/NY). Nach dem Abschluss arbeitete er als Broker an der Wall Street, um seine Schulden zu bezahlen, und begann zu schreiben. Ein Stipendium ermöglichte ihm den Aufenthalt an der University of Texas in Austin, wo er seinen ersten Roman „American Rust“ (dt. „Rost“) begann. Dieses Buch machte Meyer über Nacht zu einem der hoffnungsvollsten amerikanischen Nachwuchsautoren. Mit seinem zweiten Werk „Der erste Sohn“ stellte der heute in der texanischen Hauptstadt Austin und in New York City lebende Autor erneut eindrucksvoll sein Talent unter Beweis.

Texanische Familiensaga aus verschiedenen Perspektiven

Texas_USA_Indianer_IwanowskiZitate aus Edward Gibbons historischem Meisterwerk „Verfall und Untergang des römischen Imperiums“ aus dem späten 18. Jahrhundert stehen nicht zufällig am Anfang: Auf über 600 Seiten schildert Meyer am Beispiel der Familie McCullough das Auf und Ab verschiedener Kulturen seit der texanischen Unabhängigkeit 1836. „Der erste Sohn“ ist eine Geschichte über die Eroberung des amerikanischen Westens ebenso wie über den Kampf um Land, Öl und Macht sowie den Konflikt zwischen Vater und Sohn.
Meyer erzählt die Familien- und Texas-Saga aus der Sicht von drei Personen: Da ist der Clangründer Eli McCullough, am Tag der texanischen Unabhängigkeit 1836 geboren, von Comanche-Indianern geraubt und selbst ein „Wilder“ geworden. Nach Ende des „Comanche Empire“ in SanAntonio_USA_iwanowskider zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich Eli zum „Colonel“, der skrupellos, getreu dem Motto seines Comanche-Ziehvaters – „Reich wird man nur durch Diebstahl“ – ein Rinder- und Ölimperium aufbaute.
Peter, der Sohn des Colonels, wird dagegen als schwach und vom Vater ungeliebt geschildert. Er bringt die Rolle der „Tejanos“, der Nachfahren der einst das Land besitzenden Mexikaner, zur Sprache. Und Peter verfügt, anders als sein Vater, über Moral. Dennoch verlässt er die Familie und flieht vor der Verantwortung und dem Familienclan zu seiner mexikanischen Geliebten nach Guadalajara
Die dritte Person schlägt schließlich den Bogen ins 21. Jahrhundert: Die 1926 geborene Jeanne Anne, Ur-Enkelin des Colonels, ebenso ehrgeizig und skrupellos wie dieser, hatte einst die Ranch und das Ölunternehmen geleitet. Mexiko_USA_Reisen_IwanowskiNun verbringt sie ihre letzten Jahre einsam in der Familienvilla. Meyer gibt hier erstmals den sturen, konservativ-republikanischen Matronen, die bis heute den Westen vielfach mitprägen, eine Stimme.

Auch wer Western oder historische Romane nicht zu seiner Lieblingslektüre zählt, wird schnell von diesem Epos gefesselt. Meyer schildert packend und virtuos eine Geschichte voller unkonventioneller Liebe und verbotenem Sex, aggressiven Konflikten und roher Gewalt, skrupellosem Machtmissbrauch und konstanter Korruption.
„Der erste Sohn“ ist ein packendes Epos über den amerikanischen Westen und seine sich wandelnden Kulturen, ein historischer Roman, der stets eine klare Distanz zur Vergangenheit wahrt – und damit unbedingt empfehlenswerter Lesestoff.

Texas_usa_iwanowskiINFORMATION
Philipp Meyer
Der erste Sohn
Roman
608 Seiten, aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog,
gebunden mit Schutzumschlag,
Knaus-Verlag 2014, 24,99 €,
www.randomhouse.de/knaus, Rezension von den Autoren der Bände USA–Texas/Mittlerer Westen und USA-Westen Margit Brinke und Peter Kränzle.

@Text & Fotos mit Ausnahme des Buchcovers (Foto: Verlag) von P. Kränzle-M. Brinke. Das Foto von Quanah Parker wurde im Comanche National Museum in Lawton/OK aufgenommen.

Ausführliche Infos zu den Bundesstaaten Texas, Oklahoma, Kansas, Minnesota, Nebraska, Missouri, Illinois, South und North Dakota sowie Teile von Iowa und Wisconsin finden Individual-Reisende in dem Reiseführer Iwanowski´s USA – Texas & Mittlerer Westen.

 

Schreiben Sie eine Antwort


Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.