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Der besondere USA-Buchtipp: Charles C. Mann, Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents

Ein Lesetipp von den Autoren mehrerer USA-Bände, darunter „USA-Westen“ oder „USA-Ostküste“, Margit Brinke – Peter Kränzle, Mai 2017

Neue Funde und Forschungsergebnisse haben in den letzten Jahrzehnten das bislang kursierende Bild vom vorkolumbischen Amerika in seinen Grundfesten ins Wanken gebracht. Zwar weiß man längst, dass Kolumbus nicht der erste Europäer in der „Neuen Welt“ war – Wikinger und europäische Fischer waren lange vor ihm an der Ostküste Nordamerikas unterwegs gewesen –, doch inzwischen müssen auch andere Aspekte des „Amerika vor Kolumbus“ neu überdacht werden.
Einen spannend zu lesenden Überblick über den jüngsten Forschungsstand und überraschende neue Theorien liefert das Werk des Wissenschaftsjournalisten Charles C. Mann. Auf über 700 Seiten schafft es der preisgekrönte Autor, der u.a. für The Atlantic Monthly, Science, Geo, Stern, New York Times oder Washington Post schreibt und in Amherst/Massachusetts lebt, tief verwurzelte Vorstellungen über die „Entdeckung“ Amerikas und das koloniale Amerika über den Haufen zu werfen.

Indianische Kulturen in Nord- und Südamerika

Mann macht an zahlreichen Beispielen klar, dass die indianischen Kulturen in Nord- und Südamerika oft weiter entwickelt waren als jene der Europäer und dass die Indianer vor 1491 einige der größten und reichsten Städte weltweit bewohnten. Zudem waren sie keineswegs, wie vormals häufig angenommen, von der Jagd und dem Sammeln von Wildfrüchten abhängig. Im Gegenteil, die meisten Völker betrieben Landwirtschaft.
Zudem war das „Amerika vor Kolumbus“ weit geschäftiger, vielseitiger und dichter bevölkert, und vor allem auch älter, als es sich die Forscher früher vorgestellt hatten. Erst als schließlich die Europäer auftauchten kam es zu fundamentalen Veränderungen. Zwei Zivilisationen trafen aufeinander, deren Geschichte und Kultur unterschiedlicher nicht hätten sein können. Für die Indianer war die Begegnung folgenschwer: Masern-, Pocken- und die Grippeviren, die die Europäer einschleppten, kosteten vielen das Leben und eingeschleppte Pflanzen brachten das Ökosystem durcheinander. So fanden beispielsweise die Pilgerväter 1620 bei ihrer Landung im heutigen Massachusetts eine fast verlassene Region vor und nutzten eine aufgelassene Indianersiedlung. Die hier lebende Gruppe von Nauset-Indianer war durch eine von englischen Fischern zuvor eingeschleppte Krankheit fast ausgerottet worden.

Neue Erkenntnisse über die indianische Lebensweise

Ähnliches hatte sich überall in der „Neuen Welt“ zugetragen, sodass die europäischen Siedler oft das Gefühl hatten, in einer Wildnis gelandet zu sein. Es ist das große Verdienst von Charles C. Mann, klar zu stellen, dass die beiden amerikanischen Kontinente nicht nur dicht besiedelt, sondern auch effektiv bewirtschaftet waren. An zahlreichen Beispielen, u.a. aus Neuengland, Mesoamerika (Mexiko) und Südamerika, erläutert er, dass indianische Kulturen, wie die der Irokesen, Inka oder Maya, weiterentwickelter waren als jene in Europa und dass manche indianische Stadt größer war als beispielsweise London oder Paris.
Der Autor gewährt überraschende Einblicke in die Lebensweise der Indianer und zeigt auf, wie noch heute ihre Mais-, Kürbis- und Kartoffelanbauflächen weite Teile des Kontinents prägen. Er betont, dass die Indianer zum großen Teil „keine nomadischen, ökologisch vorbildlichen Menschen, die zu Pferde Büffel jagten“ gewesen sind. Im Gegenteil: Sie schufen einige der größten und reichsten Städte der Welt, beispielsweise Norte Chico im heutigen Peru. Schade nur, dass im vorliegenden Band die Ancient Puebloans – früher als „Anasazi“ bekannt – nur am Rande vorkommen. Dabei hatten auch sie im nordamerikanischen Südwesten eine blühende Landschaftwirtschaft betrieben und zahlreiche große Siedlungen errichtet, die dann im 12. Jahrhundert plötzlich aufgegeben wurden.
Das englische Original von Manns Buch erschien erstmals 2006 unter dem Titel „1491: New Revelations of the Americas Before Columbus“, die deutsche Erstausgabe, übersetzt von Bernd Rullkötter, 2016. Von Mann stammt darüber hinaus ein Folgeband mit dem Titel „1493: Uncovering the New World Columbus Created“ (2011), als „Kolumbus’ Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen“ (2013) ebenfalls im Programm des Rowohlt Verlags.

INFO: Charles C. Mann, Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2016; deutsche Erstausgabe, übersetzt von Bernd Rullkötter, 720 Seiten, gebunden, 29,95 €
• Zu Autor und Buch (englisch): http://charlesmann.org
• Rowohlt Verlag: www.rowohlt.de/autor/charles-c-mann.html

© Text: M. Brinke-P. Kränzle, Fotos: Rowohlt Verlag (Buchcover), Discover New England (Plimouth Plantation) und M. Brinke (übrige).

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