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Berlin: Museumswohnung am Prenzlauer Berg. Zimmermeister Brunzel baut ein Miethaus

Mai 1895: Der Zimmermeister Brunzel lässt sich vom Immobilienboom der Jahrhundertwende mitreißen. In der Hoffnung auf eine gute Vermögensanlage kauft er an der Dunckerstraße 77 ein 914 m² großes Grundstück. Er hofft, die Hypothek des Grundstückskaufs über die Mieteinnahmen zu decken. Schnelles und billiges Bauen ist deshalb angesagt: Ein Ziegelbau mit dicken Fugen wird errichtet, Holzbalkendecken werden eingezogen, nur die Kellerdecken im Bereich der Durchfahrten durch Vorder- und Querhaus werden als sogenanntes Kappengewölbe stabil gebaut. Die Grundstücke waren eng, also mussten Schacht- und Maurerarbeiten gut getaktet werden. Prenzauler_lowBerlin brauchte um diese Zeit unwahrscheinlich viel Wohnraum, die Industrialisierung zog wahre Menschenmassen an. Im Umland sorgten Sand- und Kiesgruben sowie Ziegelbrennereien für schnellen Materialnachschub. Im März 1896 sind die ersten Wohnungen fertig, die ersten Mieter, sogenannte „Trockenwohner„, zogen ein. Trotzdem war Brunzel schon im Dezember pleite, das Haus wurde zwangsversteigert, denn es gab nur die geringen Mieteinnahmen durch die Trockenwohner.

Schnelles und billiges Bauen am Prenzlauer Berg

Trockenwohnen war extrem ungesund, lebte man doch in feucht-kalter Luft. Aber es war für arme Menschen halt billig, und sie hatten auf diese Art und Weise wenigstes ein Dach über dem Kopf. Die Trockenwohner zogen von Neubau zu Neubau, wohnten jeweils für kleines Geld in der immer wieder wechselnden, gesundheitsgefährdenden Umgebung. An der Dunckerstraße 77 lebten nach dem Erstbezug von 25 Haushalten 2 Jahre später nur noch 5 im Hause. Dauerhafte Mieter waren später Arbeiter, geringverdienende Angestellte und „kleine“ Beamte.

Wohnung_low.jpgInfo:
K
achelöfen – Ein kleines Statussymbol seiner Zeit
Diese Museumswohnung verfügt über einen einfachen Kachelofen ohne besonderen Zierrat. Es gab elegante Modelle, mit Kamineinsatz, bunten Kacheln, reichen Verzierungen. Geheizt wurde mit Steinkohle, Braunkohle oder Braunkohlenbriketts. In wohlhabenden Haushalten wurde dagegen jedes Zimmer warmgehalten. Schlafzimmer_lowDie kleinbürgerliche Wohnung spiegelte soweit wie möglich das herrschaftliche Wohnen wieder: Man leistete sich nur Fabrikmöbel statt schöner handgearbeiteter Stücke, Papiertapeten ersetzten Seiden- und Samtbespannungen. Der kleinste Raum diente als Schlafzimmer, sonst spielte sich das Leben in der Küche ab. Über Strom verfügten um 1900 nur etwa 4 % der Haushalte, da Strom zu teuer war (eine Parallele zu heute!).

Im Vorderhaus, wo die Museumswohnung im ersten Stock liegt, zahlte man für eine Dreizimmerwohnung  (Küche wurde als beheizbarer Raum mitgezählt) zwischen 400 und 850 Mark Jahresmiete, im Hinterhaus waren nur maximal 300 Mark fällig. Museumswohnung_lowDamals – ziemlich ähnlich zu heute – zahlte man etwa 20–25 % des Einkommens für Miete, allerdings galt das Familieneinkommen als Maßstab: der Lohn des Mannes, der Frau und der Kinder wurde zusammengezählt. Doch oft reichte auch das nicht, man vermietete entweder einzelne Betten oder Zimmer an Familien-Fremde, wie Untermieter, Schlafgänger oder Dienstmädchen. Das waren sehr unwürdige, menschenverachtende Lebensbedingungen. Ab 1880 galt daher eine Verordnung, dass jeder „Schlafbursche“ 3 m² Bodenfläche und 1 m³ Luft beanspruchen darf. Mit steigenden Löhnen nach der Jahrhundertwende aber ließ die Abhängigkeit von diesem Zusatzverdienst nach, sie wurden immer weniger von Untervermietungen abhängig.

„Schöner Wohnen“ um 1900

Ein Rundgang durch die Museumswohnung zeigt sehr authentisch, wie „Schöner Wohnen“ damals aussah. Die „gute Stube“ war der hellste, größte Wohnraum, komfortabel möbliert und mit einem Kachelofen versehen. Sie wurde nur für Besuch hergerichtet, d. h. die schonenden Decken vom Sofa heruntergeholt und der Ofen geheizt – es war kein Raum für den Alltag.

Adresse: Prenzlauer Berg Museum, Dunckerstraße 77, 10437 Berlin, Vorderhaus, 1. Etage rechts, Tel. 030/4452321, www.ausstellung-dunckerstrasse.de, geöffnet außer Mittwoch 11–16.30 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung

© Fotos und Text: Michael Iwanowski, Verleger und Autor im Iwanowski’s Reisebuchverlag

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